Shahak: Jüdische Religion Start-Home Religion-Dialog
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Israel Shahak
Jüdische Geschichte, jüdische Religion
Die Last von dreitausend Jahren



Die Antwort des Zionismus

S. 161: Historisch gesehen ist der Zionismus sowohl eine Reaktion auf den Antisemitismus als auch sein konservativer Verbündeter — wenn auch die Zionisten, ebensowenig wie andere europäische Konservative, vollständig einsahen, mit wem sie sich verbündeten.

Bis zum Entstehen des heutigen Antisemitismus war die Stimmung im europäischen Judentum optimistisch, ja sogar übertrieben gut. Dies zeigte sich in der sehr großen Anzahl von Juden, besonders in westlichen Ländern, die in der ersten oder zweiten Generation ganz einfach das klassische Judentum, seitdem dieses möglich geworden war, offenbar ohne größeres Bedauern aufgaben. Dies zeigte sich auch in der Entstehung einer starken kulturellen Bewegung, die jüdische Aufklärung (Haskalah), die in Deutschland und Österreich um 1780 eingeleitet wurde, sich dann weiter nach Osteuropa ausbreitete und gegen 1850-1870 als eine gesellschaftliche Kraft zu bedeutender Stärke heranwuchs. Ich kann hier nicht näher auf die kulturellen Errungenschaften der Bewegung eingehen, wie das Wiedererwecken der hebräischen Literatur und die Schaffung einer wunderbaren Literatur auf Jiddisch. Es ist jedoch wichtig festzustellen, daß die Bewegung, trotz vieler innerer Verschiedenheiten, dennoch als Ganzes betrachtet - durch zwei gemeinsame Glaubenssätze gekennzeichnet war. Der eine war der Glaube an den Bedarf einer gründlichen Kritik der jüdischen Gesellschaft und vor allem der gesellschaftlichen Rolle, die die jüdische Religion in ihrer klassischen Form innehatte. Der andere war die nahezu messianische Hoffnung auf einen

S. 162:   Sieg der „guten Kräfte“ in den europäischen Gesellschaften. Die genannten Kräfte wurden verständlicherweise nur nach einem einzigen Kriterium definiert: ob sie die jüdische Emanzipation unterstützten oder nicht.

Als der Antisemitismus sich zu einer Volksbewegung entwickelte und die konservativen Kräfte sich mit ihm in vielen Fällen vereinigte, bedeutete dies einen harten Schlag für die jüdische Aufklärung. Der Schlag war besonders verheerend, da in gewissen Ländern der Aufstieg des Antisemitismus gleich nach der Emanzipation der Juden eintraf, während dies in anderen Ländern noch vor Erreichen der Freiheit für die Juden geschah. Im Österreichischen Imperium erhielten die Juden die vollständige Gleichberechtigung erst im Jahre 1867. Innerhalb des Deutschen Reiches emanzipierten gewisse Staaten ihre Juden ziemlich frühzeitig, während andere, darunter Preußen, sich in dieser Frage träge und widerwillig zeigten. Die endgültige Emanzipierung aller Juden im ganzen Deutschen Reich kam erst 1871 durch Bismarck.

Im Ottomanischen Imperium waren die Juden offizieller Diskriminierung bis 1909 und in Rußland (wie auch in Rumänien) bis zum Jahre 1917 ausgesetzt. Somit begann der heutige Antisemitismus nicht ganz ein Jahrzehnt nach der Emanzipierung der Juden in Mitteleuropa und lange bevor die damalige größte jüdische Gesellschaft, die des im zaristischen Rußlands, befreit wurde.

Für die Zionisten ist es daher leicht, die Hälfte der relevanten Tatsachen zu ignorieren, zur segregationistischen Haltung des klassischen Judentums zurückzukehren und zu behaupten, daß, nachdem alle Nichtjuden stets alle Ju-

S. 163:   den hassen und verfolgen, die einzige Lösung wäre, die Juden physisch in Palästina, Uganda oder einem anderen Platz zu sammeln. Einige frühe jüdische Kritiker des Zionismus beeilten sich darauf hinzuweisen, daß, wenn man von der nichthistorischen Vorstellung ausgeht, daß Juden und Nichtjuden unmöglich zusammen leben können - und davon gehen Zionisten und Antisemiten aus! - würde die Ansammlung aller Juden auf einer Stelle Haß bei allen Nichtjuden in diesem Teil der Welt hervorrufen (was tatsächlich auch geschah, wenn auch durch ganz andere Ursachen). Aber soviel ich weiß, machte dieses logische Argument keinen Eindruck, ebensowenig, wie einige logische und tatsächliche Argumente gegen den Mythos von der „jüdischen Rasse“ nicht den geringsten Eindruck auf die Antisemiten machte.

Tatsächlich gab es immer enge Verbindungen zwischen Zionisten und Antisemiten. Ebenso,


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wie gewisse europäische Konservative, glaubten auch die Zionisten, daß sie den „dämonischen“ Charakter der Antisemiten ignorieren und die Antisemiten für ihre eigenen Ziele benutzen konnten. Es gibt viele wohlbekannte Beispiele für solche Allianzen. Herzl verbündete sich mit dem berüchtigten antisemitischen Minister Zar Nikolaus' II., dem Grafen von Plehve 27. Jabotinsky machte einen Pakt mit Petlyura, dem reaktionären ukrainischem Führer, dessen Truppen etwa hunderttausend Juden in den Jahren 1918-1921 massakrierten. Ben-Gurions Verbündete bei den Extremrechten während des Algerienkrieges schlossen einige berüchtigte Antisemiten mit ein, die aber eifrig erklärten, daß sie nicht gegen die Juden in Israel, sondern nur gegen die in Frankreich waren.

S. 164:Das vielleicht empörendeste Beispiel dieser Art ist, daß gewisse zionistische Führer in Deutschland die Machtergreifung Hitlers mit Freude begrüßten, da sie seinen Glauben an die vorrangige Bedeutung der „Rasse“ teilten, wie auch seine Feindschaft gegen den Gedanken, daß die Juden von den „Ariern“ assimiliert werden würden. Sie beglückwünschten Hitler zu seinem Sieg über den gemeinsamen Feind — die Kräfte des Liberalismus. Dr. Joachim Printz, ein zionistischer Rabbiner, der später in die USA auswanderte, wo er zum zweiten Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongresses aufstieg und ein führendes Licht in der Zionistischen Weltorganisation wurde (und ein naher Freund Golda Meirs war), gab 1934 ein besonderes Buch heraus, ‘Wir Juden’, um Hitlers sogenannte Deutsche Revolution und die Niederlage des Liberalismus zu feiern:

Die Bedeutung der Deutschen Revolution für die Deutsche Nation wird später für die, die sie geschaffen und ihr Bild geformt haben, klar werden. Ihre Bedeutung für uns muß hier dargelegt werden: die Erfolge des Liberalismus sind verloren. Die einzige Form des politischen Lebens, die der Jüdischen Assimilation geholfen hatte, ist versunken.

Der Sieg des Nationalsozialismus bedeutete das Ende für Assimilation und Mischehen als Wahlfreiheit für die Juden. „Wir sind darüber nicht unglücklich“, sagte Dr. Printz. In der Tatsache, daß Juden gezwungen sind, sich selbst als

S. 165:Juden zu identifizieren, sieht er die „Erfüllung unserer Wünsche“. Und weiter: Wir wollen, daß die Assimilation durch ein neues Gesetz ersetzt wird: Die Erklärung von der Zugehörigkeit zur jüdischen Nation und zur jüdischer, Rasse. Nur ein Staat, der auf dem Prinzip der Reinheit von Nation und Rasse aufgebaut ist, kann von einem Juden, der erklärt seiner eigenen Art anzugehören, geehrt und respektiert werden. Nachdem er sich derart erklärt hat, wird er niemals zu einer falschen Loyalität gegenaber dem Staat imstande sein. Der Staat kann sich keine anderen Juden wünschen als solche, die sich ihrer Nation zugehörig erklären. Er will keine jüdischen Schmeichler und Kriecher haben. Er muß von uns Treue und Loyalität zu unserem eigenen Interesse fordern. Nur der, der seine eigene Art und sein eigenes Blut ehrt, kann den nationalen Willen anderer Nationen hochachten.

Das ganze Buch ist voll von ähnlicher grober Schmeichelei für die nazistische Ideologie und die Schadenfreude über die Besiegung des Liberalismus und besonders der Ideen der Französischen Revolution und hohen Erwartungen, daß der Mythos über die arische Rasse ein Klima heraufbeschwört, in dem auch der befreundete Mythos über die jüdische Rasse gedeiht.

S. 166:Dr. Printz sah natürlich nicht ein, ebensowenig wie frühere Sympathiseure und Verbündete des Nazismus, wohin diese Bewegung (und der heutige Antisemitismus im allgemeinen) führte. Ebenso wenig erkennen viele Menschen in unseren Tagen, wohin der Zionismus — die Bewegung, in der Dr. Prinz eine geehrte Persönlichkeit war — führt: Zu einer Vereinigung des klassischen Judentums mit aller Art von Haß gegen Nichtjuden und einem unterschiedslosen, unhistorischen Gebrauch aller Judenverfolgungen im Laufe der Geschichte, um die Verfolgung der Palästinier durch die Zionisten zu rechtfertigen.

Wie wahnsinnig dieses auch sein mag, ist es dennoch klar, wenn man die wirklichen Motive der Zionisten näher untersucht, daß eine der tiefstliegenden ideologischen Ursachen zur hartnäckigen Feindseligkeit der zionistischen Führer gegen die Palästinenser darin besteht, daß viele Ostjuden die Palästinenser als aufständische osteuropäische Bauern identifizieren, solche, die am Chmielicki-Aufruhr und anderen ähnlichen Aufständen teilnahmen - und daß sie diese Bauern ihrerseits und auf eine unhistorische Art mit modernen Antisemiten und Nazisten identifizieren.


Eine Konfrontation mit der Vergangenheit


S. 167: Alle Juden, die wirklich aus der Tyrannei der totalitären jüdischen Geschichte ausbrechen wollen, müssen sich die Frage stellen, wie sie sich selbst zu den völkischen Äußerungen der Judenfeindseligkeit stellen die in der Vergangenheit vorkamen, besonders jene, die sich in Zusammenhang mit Aufständen leibeigener Bauern ereigneten. In der gleichen Frage haben die Verteidiger der jüdischen Religion und der jüdischen Segregation und des Chauvinismus auf der Gegenseite Stellung genommen sowohl endgültig, als auch in jeder neuen Debatte. Die unwiderlegbare Tatsache, daß die aufrührerischen Bauern schreckliche Untaten gegen Juden begangen hatten (wie auch gegen ihre anderen Unterdrücker), verwenden diese Apologeten als „Argument“ in genau der gleichen Art, wie man mit dem palästinensischen Terror die Weigerung, den Palästinensern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, rechtfertigt.

Unsere eigene Antwort muß allgemeingültig und prinzipiell auf alle gleichartigen Fälle anwendbar sein. Für jene Juden, welche Befreiung vom jüdischen Partikularismus und Rassismus und aus der Sackgasse der jüdischen Religion suchen, wird es nicht schwer sein, eine derartige Antwort zu geben.

Aufstände unterdrückter Bauern gegen ihre Herren und deren Vögte sind schließlich gewöhnlich in der Geschichte der Menschen. Eine Generation nach dem ukrainischen Bauernaufstand im Zusammenhang mit dem Chmielicki-Aufruhr erhoben sich die russischen Bauern unter Stenka

S. 168:Razin und wieder hundert Jahre später unter Pugatjov. In Deutschland brach 1525 ein Bauernkrieg aus, Frankreich wurde erschüttert von der Jacquerie im Jahre 1357-58, und viele andere solche völkischen Aufstände kamen vor, nicht zu vergessen alle die vielen Sklavenaufstände in allen Teilen der Welt. Alle diese - und ich habe absichtlich solche gewählt, die sich nicht gegen Juden richteten - waren von schrecklichen Massakern begleitet, ganz so, wie auch die große Französische Revolution mit entsetzlichen Terrortaten verbunden war. Wie verhalten sich wirklich progressive Menschen - und, heutzutage, normale anständige und gebildete Menschen, seien es Russen, Deutsche oder Franzosen- zu diesen Aufständen? Wenn anständige englische Historiker die Aufstände der irländischen Bauern gegen ihre Sklaverei behandeln und dabei die Massaker erwähnen, die die Iren an den Engländern verübten, verurteilen sie da die Iren als „antienglische Rassisten“? Welche Einstellung haben progressive französische Historiker gegenüber den großen Sklavenrevolutionen in Sto. Domingo, wo viele französische Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden? Die Frage zu stellen, bedeutet sie zu beantworten. Aber eine dementsprechende Frage in vielen „progressiven“ oder sogar „sozialistischen“ jüdischen Kreisen zu stellen, bedeutet eine ganz andere Antwort zu erhalten: ein versklavter Bauer wird zu einem rassistischen Untier umgewandelt, wenn es Juden waren, die von seiner Versklavung und Ausbeutung profitierten.

Die Redensart, daß die, die nicht aus der Geschichte lernen, verdammt sind, sie zu wiederholen, kann auf jene Juden angewendet werden, die sich wegern, sich mit der jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen: sie wurden zu

S. 169:Sklaven ihrer Geschichte und müssen diese nun in der zionistischen und israelischen Politik wiederholen. Der Staat Israel erfüllt nun eine Funktion gegenüber den unterdrückten Bauern vieler Länder- nicht nur im Mittleren Osten, sondern weit darüber hinaus -, eine Funktion, die nicht unähnlich ist der, die die Juden in Polen vor 1795 innehatten: die Rolle des Vogtes gegenüber dem Unterdrückerregime. Es ist bezeichnend und beleuchtend, daß Israels bedeutungsvolle Rolle in der Bewaffnung des Somoza-Regimes in Nicaragua, wie auch die Regime in Guatemala, El Salvador, Chile und andere, keine Veranlassung zu einer größeren offenen Debatte in Israel oder im organisierten Judentum in der Diaspora, gegeben hat. Es geschieht sogar selten, daß man die beschränkte Frage der Zweckmäßigkeit dieses Handelns stellt, inwiefern es auf längere Sicht für die Juden von Vorteil ist, daß man Waffen an Diktatoren verkauft, die Freiheitskämpfer und Bauern abschlachten. Noch bezeichnender ist, daß gläubige Juden einen so großen Anteil an dieser Handlungsweise haben und daß deren Rabbiner (die sonst sehr lautstark sind, wenn es gilt zu Haß gegen die Araber zu hetzen) sich in totales Stillschweigen hüllen. Israel und der Zionismus scheinen einen Rückfall in die Rolle des klassischen Judentums zu erleben - nun aber vergrößert., in globaler Skala und unter

gefährlicheren Umständen.

Die einzig mögliche Antwort auf all dies, die zu allererst Juden geben müssen, muß die sein, die wir von allen wirklichen Vorkämpfern für Freiheit und Mitmenschlichkeit in allen Ländern, in allen Völkern und Philosophien erhalten haben — mit allen ihren Begrenzungen, wie auch

S. 170: des Menschen eigene. Wir müssen wagen, der jüdischen Vergangenheit und den Aspekten der Gegenwart, die auf Lügen und Verehrung der Vergangenheit bauen, zu begegnen. Die Voraussetzungen dafür sind, zum ersten, totale Ehrlichkeit bezüglich historischer und gesellschaftlicher Tatsachen, und, zum zweiten, der Glaube (der soweit möglich zu Handlung fahren muß) an universale humane Prinzipien für Ethik und Politik.

Der chinesische Weise Mencius (4.Jh.), hoch bewundert von Voltaire, schrieb einmal: Dieses ist, warum ich sage, daß alle Menschen ein Vermögen zu Mitleid haben: hier haben wir einen Menschen, der plötzlich merkt, daß ein Kind im Begriffe steht, in einen Brunnen zu fallen. Ausnahmslos fühlt er Unruhe und Mitleid. Und dies tut er nicht, um Vorteile bei den Eltern des Kindes oder Beifall von seinen Nachbarn und Freunden zu erhalten, auch nicht aus Furcht vor Tadel, der ihn treffen könnte, falls er das Kind nicht rettete. Also sehen wir, daß kein Mensch ohne Mitleid oder Scham oder Höflichkeit oder Gefühl für Recht und Unrecht ist. Das Mitleid ist der Anfang der Menschlichkeit, das Gefühl der Scham ist der Anfang der Rechtschaffenheit, die Höflichkeit ist der Anfang des Anstands, das Gefühl für Recht und Unrecht ist der Anfang der Weisheit. Jeder Mensch trägt in sich selbst diese vier Anfänge, ebenso, wie er vier Glieder hat. Da je-

(S. 171) der diese vier Anfänge in sich birgt, zerstört der Mensch, der sich unfähig hält diese auszuüben, sich selbst.

Wir haben oben gesehen und werden im nächsten Kapitel eingehender zeigen, wie weit entfernt von diesen Idealen die Gebote sind, mit denen die jüdische Religion in ihrer klassischen und talmudischen Form Geist und Herz vergiften.

Der Weg zu einer echten Revolution im Judentum um es human zu machen, den Juden zu erlauben, ihre eigene Vergangenheit zu verstehen und damit sie selbst aus ihrer Tyrannei heraus umzuerziehen — geht durch eine schonungslose Kritik der jüdischen Religion. Ohne Furcht und Gnade müssen wir zu unserer eigenen Vergangenheit Stellung nehmen, ebenso wie dies Voltaire zu seiner tat: Écrasez l'infame!