Mettner: Die katholische Mafia Start-Home Politik

Matthias Mettner
Die katholische Mafia
(Hamburg 1993)

S. 54: Alvaro del Portillo. Der vatikanische Pressesprecher, der nach eigener Auskunft täglich unmittelbar Zugang zum Papst hat: Joaquin Navarro Valls. Offensichtlich ist es dem Opus Dei trotz größter Anstrengungen nicht gelungen, die Kontrolle über Radio Vatikan zu übernehmen.

          Am offensichtlichsten ist der Einfluß des Opus Dei im Bereich der vatikanischen Finanzen. Nach dem Finanzskandal des »Instituts für religiöse Werke«, so lautet die amtliche Bezeichnung der vatikanischen Bank Ambrosiano, vertraute Johannes Paul Il. auf das Finanzgeschick des Opus Dei, um wieder »Ordnung« herzustellen.

»Graue Eminenzen« und Sympathisanten

Das Opus Dei kann wohl auch auf die wirksame und zuverlässige Unterstützung der folgenden »grauen Eminenzen« zählen, der nach außen wenig in Erscheinung tretenden, aber einflußreichen kirchlichen Würdenträger in den vatikanischen Behörden und dem engen Umfeld der Kurie(30): Papst Johannes II., Kardinal Angelo Sodano (Kardinal-Staatssekretär), Kardinal Sebastiano Baggio (Italien, ehemaliger Präfekt der Kongregation für die Bischöfe, heute Träger des Titels »Camerlengo der heiligen römischen Kirche«), Kardinal Silvio Oddi (Italien), Kardinal Pietro Palazzini (Italien, Präfekt der Kongregation für die Heiligsprechungen), Kardinal Antonio Maria Javierre Ortas (verantwortlich für das Vatikanische Geheimarchiv, gilt als maßgebender Mitarbeiter von Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der wichtigen Kongregation für die Glaubenslehre); Kardinal Josef Tomko (Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker); Erzbischof Pablo Puente; die Monsignori Justo Garcia Muller (Repräsentant des Vati-

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kans am Sitz der UNO in Genf) und Pablo Colina (Dirigent des Chores während des Zeremoniells in der Peterskirche); Enric Planas (verantwortlich für die vatikanische Filmothek); Javier Lozano (Experte für die Beziehungen zu Lateinamerika); Kardinal Alfonso Löpez Trujillo (Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie und Mitglied der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, CAL); Erzbischof John Foley (Vorsitzender der vatikanischen Kommission für soziale Kommunikation).

          Das Beziehungsgeflecht von Mitgliedern, Förderern, Anhängern und Sympathisanten des Opus Dei läßt sich nicht wie ein Insekt auf dem Objektträger eines Mikroskops analysieren. Wie unsichtbare Tentakel legen sie sich um das administrative »Herz« der Kirche und drohen sie mit ihrem reaktionären Kirchenbild zu ersticken. Das Sammeln und Ordnen lückenloser Informationen ist durch den Charakter der Geheimorganisation des Opus Dei äußerst erschwert.Wie andere geheime Bünde und Gesellschaften fordert das Opus Dei seine Mitglieder zur Geheimhaltung der Mitgliedschaft auf. Sie wahren »immer kluges Stillschweigen bezüglich der Namen von anderen Mitgliedern (...) und niemandem gegenüber enthüllen sie, daß sie selbst zum Opus Dei gehören, nicht einmal bei einem eventuellen Verlassen des Instituts (des Opus Dei, MM)«(31). Diese Verpflichtung zur Geheimhaltung - von mir differenziert im Kapitel »Die ehrenwerten Herren geben sich geheimnisvoll« analysiert - gehört zentral zu der Strategie und dem Verhalten, das ich als mafiose Mentalität bezeichne.

          Für den Außenstehenden ist es fast unmöglich, jemanden mit letzter Sicherheit, sozusagen »mit Gewähr« als Opus-Mitglied zu identifizieren; es sei denn, er bekennt sich selbst zur Mitgliedschaft. Die Geheimniskrämerei bei der Mitgliedschaft läßt aber auch vermuten, daß Opus-Mitglieder selbst bei direkter Frage nach ihrer Mitgliedschaft diese verneinen. Und häufig haben diese Lügen sehr »lange Beine«, weil die Verschleierung, Irreführung und Verdunklung, wie sie das Opus Dei betreibt, durchaus erfolgreich ist. Es ist aber meines Erachtens häufig auch gar nicht entscheidend, ob jemand formal Mitglied des Opus Dei ist oder »nur« zu den engen Anhängern und Förderern zählt. Das Ergebnis, das heißt der Zuwachs an Einfluß und Macht für das Opus Dei, ist de facto gleich.

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Opus Dei-Bischöfe

Die folgende Namensliste von Opus Dei-Klerikern, die zu Diözesan- und Weihbischöfen ernannt worden sind, in der Leitung verschiedener nationaler Kirchen tätig oder mit anderen Aufgaben betraut sind, ist bei weitem nicht vollständig. Die kirchlichen Würdenträger, die im Rahmen dieser Namensliste ausdrücklich genannt werden, sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs; (32) bei den meisten Namen ist die Opus Dei-Mitgliedschaft in den offiziellen Quellen angegeben, und ich betrachte dies eher als die Ausnahme. Die Liste ist - alphabetisch nach Ländern geordnet - vor allem eine Anzeige der Dimension des Vormarsches des Opus Dei in der klerikalen Hierarchie der römisch-katholischen Teilkirchen:

Alfonso Delgado Evers (Santo Tome, Argentinien)

Rafael Llano Cifuentes (Mades, Brasilien)

Felipe Bacarezza (Concepción, Chile)

Alejandro Goic Karmelic (Africa, Chile)

Adolfo Rodriguez Vidal (Los Angeles, Chile)

Luis Gleisner Wobbe (Rancagua, Chile)

Antonio Arregui Yarza (Auzegera, Ecuador)

Juan Ignacio Larrea Holguin (Guyayquil/Ibarra, Ecuador)

Julian Herranz Casado (Vertara, Kolumbien)

Klaus Küng (Feldkirch, Österreich)

Juan Luis Cipriani Thorne (Turuzi, Peru)

Ignacio Maria De Orbegozo y Goicoechea (Chiclayo, Peru)

Luis Sanchez Moreno Lira (Yauyos, Peru)

Enrique Pelach y Feliu (Abancay, Peru)

Juan Antonio Ugarte Perez (Castro, Peru)

Fernando Saenz Lacalle (Santa Ana, San Salvador)

Francisco De Guruceaga Iturrizza (La Guaira, Venezuela)

Alvaro del Portillo (Vita, Prälat des Opus Dei)


Privilegiert und einzigartig

Von äußerster Wichtigkeit und entscheidender Bedeutung für die gegenwärtige und zukünftige Macht des Opus Dei in der römischkatholischen Kirche ist der einmalige kirchenrechtliche Status, der

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die päpstliche Privilegierung und Macht des Opus Dei gegenüber allen anderen konservativ-reaktionären Gruppierungen und Organisationen, überhaupt gegenüber allen Ordensgemeinschaften und den Ortskirchen der einzelnen Länder markiert. Am 28. November 1982 wird das Opus Dei auf besonderen »Wunsch« Papst Johannes Pauls II. zur sogenannten »Personalprälatur vom Hl. Kreuz und Opus Dei« erhoben.(33)

          Die damit offiziell vollzogene Privilegierung entspricht exakt den geheimen Machtstrategien des Opus Dei. Sie erhöht seine internationale operative Unabhängigkeit, sein innerkirchliches Prestige, seine Immunität gegenüber Kritik seitens offizieller kirchlicher Behörden. Sie verringert die Kontrollmöglichkeiten des Werkes durch Diözesanbischöfe und nationale Bischofskonferenzen und verschlechtert den Persönlichkeitsschutz der Opus-Mitglieder.

          Die kirchenpolitische Bedeutung dieser einzigartigen kirchenrechtlichen Entscheidung ist - weil strukturell und juridisch - wesentlich größer als die Seligsprechung des Opus Dei-Gründers Josemaria Escrivá. Unverhohlen feiern Opus Dei-Mitglieder und -Sympathisanten die Entscheidung. Kardinal Sebastiano Baggio sprach von einer »historischen Entscheidung des Papstes«, 34 und Marcello Costalunga, Untersekretär der Kongregation für die Bischöfe, sah darin »einen Meilenstein in der Entwicklung«(35) der Kirche. Peter Berglar formulierte in seiner Hagiographie des Opus-Gründers: »Für die Geschichte der Kirche bedeutet der 28. November 1982 ein Datum höchsten Ranges. Die Kirche bereitet sich vor, in das dritte christliche Jahrtausend einzutreten.«, (36) Die zitierten Sätze erinnern an die Aussage von Vladimir Felzmann über die Selbsteinschätzung der Opus Dei-Führung in Rom, die ganze Kirche werde in wenigen Jahrzehnten Opus Dei sein.

          Bereits wenige Tage nach seiner Wahl teilte der neue Papst Johannes Paul II. dem höchsten Führer des Opus Dei, Alvaro del Portillo, handschriftlich mit, daß ein neuer kirchenrechtlicher Status des Opus Dei eine »unaufschiebbare Notwendigkeit« sei. Damit erfüllte der Papst einen »Herzenswunsch« des Opus-Generalpräsidenten del Portillo. Jahrelang hatte das Opus Dei auf dieses neue juridische Kleid einer Personalprälatur mit einer geschickten Strategie hingearbeitet.

          Als der polnische Kardinal Karol Wojtyla 1978 im Konklave der

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          Ganz anders sein Vorgänger Pius XII. (1939 bis 1958), der als päpstlicher Nuntius und Kardinal Eugenio Pacelli in Berlin nicht nur 1933 die »Machtübernahme« Adolf Hitlers bejubelte, sondern auch das nationalsozialistische Deutschland als Bollwerk gegen »die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus« sah, und die Gruppeninteressen, die Einflußsphären der römisch-katholischen Kirche in den Fragen des religiösen Kultes, der katholischen Schulpolitik und Jugendarbeit durch den Abschluß eines Konkordats zwischen Vatikan und Nazi-Deutschland sicherte, was de facto die internationale Isolierung der NS-Regierung durchbrach. Pius XII. begann Josemaria Escrivá, der 1946 die Zentrale des Opus Dei von Madrid nach Rom übersiedelte, nach kurzer Zurückhaltung zu schätzen und nannte ihn »einen wahren Heiligen, einen Mann, von Gott gesandt für unsere Zeit«.(42) Nachdem der Pacelli-Papst davon überzeugt war, daß die Organisation in absoluter Treue zur römischen Hierarchie stand, erhielt das Opus Dei am 16. Mai 1950 V die endgültige Approbation als »Säkularinstitut« der katholischen Kirche und damit die erste kirchenrechtliche Etablierung.

Das »mobile Corps«

Aber erst mit dem Escrivá-Verehrer Wojtyla erreichte das Opus Dei den für sich maßgeschneiderten Status der »Personalprälatur«. Nachdem der Papst und die Kurie das Vertrauen in die »Societas Jesu« , » Gesellschaft Jesu«) verloren und die Jesuiten unter Kuratel gestellt hatten, glaubte der Papst, im traditionalistischen Opus Dei die gehorsamere und schlagkräftigere Garde gefunden zu haben. Das Angebot del Portillos an den Papst führte tatsächlich zum Erfolg. Der Generalpräsident hatte dem Papst die Vorzüge und Kampfstärke des Opus Dei in einem Dokument, das durch eine Indiskretion bekannt wurde und als Datum den 23. April 1979 trägt, eindrücklich geschildert. Demnach hatte das Opus Ende der siebziger Jahre 72 375 Mitglieder die in 87 Nationen tätig waren; präziser: in 479 Universitäten und höheren Schulen, in 604 Zeitungen, Zeitschriften und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, in 52 Radio- und TV-Anstalten, in 38 Nachrichten- und Werbeagenturen, in 12 Filmproduktions- und Filmvertriebsgesellschaften. In

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dem Briefdokument schildert del Portillo außerdem die Schwierigkeiten des Opus, die ihre Ursache in dem bis heute fehlenden passenden kirchenrechtlichen Status hätten. Und dann benennt er die Vorteile für den Papst und die römische Kurie, falls sie sich zur Installierung einer Personalprälatur entschließen könnten. Die Prälatur »bietet dem Heiligen Stuhl die Möglichkeit, bei größter Effizienz über ein mobiles Corps von (akkurat vorbereiteten) Priestern und Laien zu verfügen, die überall ein mächtiges geistliches und apostolisches Ferment christlichen Lebens wären; dies vor allem im Bereich der Gesellschaft und im Berufsleben, wo es heute oft nicht leicht ist, in apostolisch einschneidender Weise mit den der Kirche gewöhnlich zur Verfügung stehenden Mitteln anzukommen.« (43)

Der »Maßanzug«

Der kirchenrechtliche »Maßanzug « für das Opus Dei, die Personalprälatur, wurde von Rom -e.-en den Widerspruch führender Bischöfe durch- gesetzt. (44) Besonders in Spanien hatten Diözesanbischöfe offensichtlich wiederholt schlechte Erfahrungen mit der Geheimniskrämerei von Opus-Klerikern und den verdeckten Operationen des Geheimbundes gemacht. Ihre Bedenken aber, der Status der Prälatur ermögliche dem Opus Dei noch mehr als bisher, sich als »Staat im Staate«, als »Kirche in der Kirche« zu gebärden, und eine Kontrolle durch die Bistumsleitungen sei kaum möglich, stießen in Rom auf taube Ohren. Die Würfel waren längst gefallen.

          Was bedeutet der seit 1982 gültige Status der Personalprälatur des Opus Dei kirchenpolitisch? Welche Folgen hat dieses kirchenrechtliche Kleid? Welche Vorteile hat das »Werk Gottes« damit erhalten? Diese Fragen stellen sich, da die offizielle Erklärung des Opus Dei zur Personalprälatur durch die päpstliche Kongregation für die Bischöfe, unterzeichnet vom damaligen Präfekten Kardinal Baggio, insbesondere »die Eingliederung der Institution in die bestehende Pastoral der Gesamtkirche und der Ortskirchen«, die enge Zusammenarbeit zwischen der Personalprälatur und den örtlichen Ordinarien und Bischöfen betont, und die Bewilligung des zuständigen Diözesanbischofs zur Errichtung von Zentren des

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4. KAPITEL

Die Eliten im Fadenkreuz

»Sie sind mächtig. Sie haben Minister in Regierungen oder Diktaturen, ein wirtschaftliches Imperium, Zeitungen und Radiostudios. Ihre Methoden sind so diskret und wirksam, daß sie als geheim und bedrohlich empfunden werden«, schrieb Pierre Emonet im Februar 1981 in der Schweizer Jesuiten-Zeitschrift »Choisir« über die Katholiken und Kleriker des Opus Dei. Nur selten aber konnte dies so eindeutig durch journalistische Recherchen bestätigt werden wie im faschistischen Spanien des Franco-Regimes, in dem das Opus Dei zur »einflußreichsten kollaborationistischen Bewegung innerhalb der Kirche« avancierte. (58)

          Spätestens seit Beginn der fünfziger Jahre durchsetzte das Opus Dei, dessen Ideologen bis heute nach außen die Fassade einer rein religiösen Vereinigung beschwören, den Staatsapparat und wichtige gesellschaftliche Institutionen in Spanien mit seinen Mitgliedern, »Freunden« und Sympathisanten. Diese leiteten oder besaßen Finanzierungsinstitute, Holding- und Investmentgesellschaften, Druck- und Verlagsunternehmen, Zeitungen und Zeitschriften, Ausbildungsinstitute für Betriebswirtschaftslehre und Management, höhere Schulen, Studentenheime und Akademien.

Das Finanzmanagement des Opus Dei

Seit der bedeutendsten Regierungsumbildung der Franco-Ära im Jahr 1957 stießen Mitglieder und Anhänger des Opus Dei in alle wirtschaftspolitisch relevanten Regierungsressorts vor. 1962 war die Phase des Aufstiegs zur Macht nahezu abgeschlossen.(59) Das »Werk Gottes« hatte fast alle Machthebel der Regierung auf dem Gebiet der Finanzen, des Handels und der Industrieproduktion in

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der Hand. Durch die systematische Penetration der ökonomisch entscheidenden Ressorts mit Mitgliedern und »Freunden« im Franco-Staat konnte das Opus die politisch-ökonomische Spitzenposition erzielen und in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nahezu die gesamte Wirtschaftspolitik steuern. In den verschiedenen Kabinetten des Caudillos Francisco Franco waren Ende der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre - zahlenmäßig wechselnd - zwei bis zehn Ministerosten von Mittliedern oder Anhängern des Opus Dei besetzt.

          Rückblickend rechtfertigte der bereits zitierte Hagiograph des Opus-Gründers Escrivá, Peter Berglar, das starke Engagement der Opus-Katholiken in Wirtschaft und Politik: »Die Nachfolge Christi, die Treue zur Kirche, der Geist des Werkes verboten keinesfalls, dem spanischen Staat jener Zeit zu dienen.«60 Alles nur »Dienst«,das ist die Verspottung jedes vernünftigen und ehrlichen Zeitgenossen, der - jenseits von Geschichtsschönung und Verharmlosung, Verdunklung und Irreführung - in geschichtlicher Distanz Einblick in die Machtbeziehungen und -geflechte totalitär organisierter und funktionierender Gesellschaften sucht.

          Das Gravitationszentrum der Macht, die politische, soziale und ökonomische Macht, übt bis heute eine äußerst starke Anziehung auf das Personal des Opus Dei aus. Der mächtige Erfolg im Spanien Francos und das Komplizentum mit dem Franquismus, an den das Opus heute nur ungern erinnert wird, während es unermüdlich das eigene Streben und Drängen nach gesellschaftlicher Macht leugnet, bestimmt seitdem nicht nur die gesellschaftliche und politische Ausrichtung der Organisation, sondern führte auch dazu, daß sie in den Bann der Macht, des Erfolgsdenkens und der geheimen Operationen geriet.

          In diesem geschichtlichen Kontext bildete das Opus Dei auch jene Strategie heraus, die die gesellschaftliche Macht-Elite im Visier hat. Daß hier nicht der immer noch populäre Sprachgebrauch von »Elite« gemeint ist, die nach bestimmten Qualifikationen Besten (zum Beispiel Sportelite, militärische Elitetruppe) oder eine der Gesellschaft übergeordnete Personengruppe, die durch moralische Integrität, Bildung und schöpferische Fähigkeiten qualifiziert ist, verdeutlicht das Gesagte. Gemeint ist das sozialwissenschaftliche Verständnis von »Elite« als Gruppen oder Quasi-Grup-

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pen, die in Politik, Wissenschaft und Ökonomie Spitzenpositionen einnehmen und dadurch gesellschaftlichen Einfluß und Macht ausüben.

Herrschaft in der Demokratie

So sehr kommunistisch-stalinistische und faschistische Staatsgebilde von ihren ideologischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen her gründlich verschieden waren, so sehr konvergieren sie in der Praxis totalitärer Machtausübung. Das Zentrum der Macht und die darum gelagerten Machtkerne (politische Führung, Polizei, Militär, Industrie usw.) mit ihren spezifischen Eliten sind eindeutig auszumachen. Mehr oder weniger kompakte, herrschsüchtige Machteliten sind quantitativ vergleichsweise klein und namentlich benennbar.

          Wesentlich komplexer ist dies in modernen Demokratien, die rechtsstaatlich orientiert und organisiert (Verfassung, Grund- und Menschenrechte, Gewaltenteilung usw.) und institutionell wesentlich differenzierter (Eliten-Pluralismus, gegenseitige Konkurrenz der verschiedenen Eliten) sind. Die jüngste Elitenforschung aber zeigt, daß auch in fortgeschrittenen westlichen Industriegesellschaften der Tatbestand »Herrschaft in der Demokratie« nicht verschleiert werden darf, »solange man davon ausgehen muß, daß die wesentlichen Entscheidungen in unseren Gesellschaften zwar nicht von 400 oder 500 Familien oder auch 4000 oder 5000 Personen einer einheitlich handelnden Schicht getroffen werden, wohl aber von einer begrenzten, grob sogar benennbaren Zahl verschiedener Funktionseliten«.(61) Nach der bisher umfassendsten Studie zum Thema »Eliten, Macht und Konflikt in der BRD« (62) werden die zentralen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen von einem »Eliten-Netzwerk« getroffen. Dieses »Spinnennetz« gesellschaftlicher Macht beherrscht ein »Zentraler Zirkel« von etwa 560 Mitgliedern, die aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft kommen. Die Eliten rekrutieren sich vornehmlich aus den »sozial und beruflich privilegierten Bevölkerungssegmenten«.

          Wer angesichts dieses Forschungsberichts über die Existenz einer Machtelite in der Bundesrepublik im Blick auf die demokratische Verfassung beunruhigt ist, die vergleichbare Tatbestände in

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anderen europäischen Gesellschaften vermuten läßt, sei auf die wichtige Erkenntnis und Aufforderung des liberalen Sozialwissenschaftlers Ralf Dahrendorf hingewiesen: »Gesellschaft heißt Herrschaft und Herrschaft heißt Ungleichheit. (...) Gesellschaft ist eben nicht nett, sondern nötig. Aber die Frage ist nicht, wie wir uns von aller Herrschaft befreien und zu einem arkadischen Schäferleben einschläfern, sondern wie wir Herrschaft so zähmen können, daß ein Optimum an Lebenschancen möglich wird. (...) Das ist eben der Punkt, an dem die Bürgerrechte zum Schlüsselbegriff der Moderne werden.« (63) Daß die »Zähmung« gesellschaftlicher Macht die Transparenz der Fäden des Eliten-Netzwerks und die Installierung besserer Kontrollmechanismen voraussetzt, ist für all diejenigen selbstverständlich, denen an einer sozial gerechten und an den Freiheitsrechten fixierten Gesellschaft gelegen ist.

          Josemaria Escrivá und das Opus Dei aber sind »interessiert an Erbadel, an Geist, an Geld, an Positionen« - »Cuius regio - eius religio« (wer ein Land beherrscht, bestimmt auch dessen Religion). Wenn Sie die Führer auf Ihre Seite bekommen, dann haben Sie das ganze Land.« - Diese gegenüber dem Journalisten Peter Hertel gemachte Aussage des Klerikers Vladimir Felzmann (64), der nach mehr als zwei Jahrzehnten Mitgliedschaft und führenden Funktionen aus dem Opus Dei austrat, bestätigt die gesellschaftliche Strategie der Opus-Organisation, die vornehmlich auf die Eliten, die Führungskräfte in Politik, Wissenschaft, Industrie, Medien und Bildungsinstitutionen zielt. Die Strategie des Opus Dei verspricht Erfolg in Diktaturen, feudalistisch organisierten Gesellschaften, formaldemokratischen Staaten und tatsächlich rechtsstaatlichen Demokratien. Insofern ist die Strategie, die das Opus Dei im Spanien Francos herausgebildet hat, auch heute sehr modern und effizient, um Einfluß und Macht zu gewinnen.

Komplizenschaft mit den faschistischen Eliten

Das Zitat offenbart aber auch, wie tief die Komplizenschaft zwischen katholischer Kirche und faschistischer Macht im Staate Francos die Optik Escrivás auf die Gesellschaft geprägt hatte, der Anfang der vierziger Jahre Besinnungstage zusammen mit dem

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Ehepaar Franco verlebte.(65) Die römisch-katholische Kirche Spaniens erhielt nach dem Bürgerkrieg und dem Sieg der franquistischen Truppen wieder all ihre Privilegien zurück. Die katholische Religion wurde mit dem 1945 verabschiedeten »Grundrechtskatalog« zur Staatsreligion ernannt. Dies war der Lohn für die massive, ja fanatische ideologische Unterstützung Francos. Die spanischen Bischöfe und der Papst hatten bereits 1933 einen »heiligen Kreuzzug für die vollständige Wiederherstellung der kirchlichen Rechte« gefordert.

          Mit dem Segen der Kirche begann der Krieg im Juli 1936. Nicht von ungefähr wurde der Franquismus eine »klerikalfaschistische« Herrschaftsform genannt 66 Wesentlich beigetragen zu diesem Titel hatten verschiedene pseudoreligiöse Ausuferungen. Zum Beispiel genoß Franco die liturgisch-kanonischen Ehrenrechte, die früher dem König zustanden; Franco zog in die mit extremem Pomp inszenierten Hochämter stets unter einem von Priestern getragenen Baldachin ein. Die Muttergottes erhielt den Titel eines Ehrengenerals der spanischen Armee zugesprochen, und auf den Münzen las man die Aufschrift »Francisco Franco, Caudillo Spanien von Gottes Gnaden«. All dies offensichtlich mit Billigung der klerikalen Hierarchie.

Eitel und verführbar

In den seit 1982 gültigen Statuten des Opus Dei werden die Mitglieder aufgefordert, sich die Wirksamkeit des Apostolats (die Ziele des Opus Dei) »bei Intellektuellen vor Augen (zu) halten, denen große Bedeutung für den Dienst in der bürgerlichen Gesellschaft zukommt - wegen der wissenschaftlichen Bildung, über die sie verfügen, wegen der Aufgaben, die sie erfüllen, oder wegen der Amtsautorität, mit der sie bekleidet sind.«(67 In den offiziell zwischen 1950 und 1982, faktisch aber vermutlich bis heute gültigen »Konstitutionen« heißt es kürzer und deutlicher: »Das charakteristische Mittel« des Opus Dei »sind öffentliche Ämter -, besonders jene mit Leitungspositionen«.(68)

          Nach Aussage der ehemaligen Leiterin der Frauenabteilungen in der spanischen Sektion des Opus Dei äußerte sich Escrivá, dem große Eitelkeit nachgesagt wird und der offensichtlich in der Tat

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die menschliche Eitelkeit und Verführbarkeit durch akademische Titel kannte, wie folgt zur Strategie des Opus: »Unser Ziel ist es auch, alle Universitätslehrstühle, von denen aus viel getan werden kann, zu erlangen; Ziel des Werkes ist es ebenso, Apostolat in staatlichen Einrichtungen zu üben. (...) So sind wir imstande, unseren Leuten, ohne daß sie Prüfungen abgelegt haben, Karrieren, Titel, Doktorgrade und viele Orden zu verschaffen, die viele Menschen zu unserem Apostolat locken werden.«(69)

Die religiöse Außenfassade

Das Opus Dei hat derartige Methoden und grundsätzlich überhaupt abgestritten, es dränge nach Macht und Einfluß. Die »Familie« des Opus Dei sei eine »Vereinigung von Gläubigen, die nach der Vollkommenheit des Evangeliums« strebe. »Das Ziel und die Mittel des Opus Dei« seien »gänzlich und ausschließlich übernatürlicher, geistlicher und apostolischer Art« .(71) Bis heute verfolgt das Opus Dei die systematische Verschleierung ihrer finanziellen Mittel und der Aktivitäten ihrer Mitglieder. Die folgende Anekdote führt exemplarisch vor, welche Propaganda Escrivá offensichtlich seinem Opus verordnet hat:

          Statt mit einer klaren Antwort reagierte Monsignore Escrivá mit einem ganz unbiblischen »Gleichnis« auf die Frage des Opus-kritischen Papstes Johannes XXIII., »wie mächtig und reich das Opus Dei« eigentlich sei: »Nehmen wir an, eine vielköpfige italienische Familie habe einen Sohn, der bei >Montecatini< arbeitet, einen anderen, der bei >Fiat< angestellt ist, und einen dritten, der eben einen leitenden Posten in der >Banca commerciale< angetreten hat, der Vater und einige weitere Söhne arbeiten in anderen Firmen. Kann man deshalb behaupten, diese armen Leute seien Eigentümer jener Großunternehmen und Banken?« Ähnlich sei es in der »Familie« des Opus Dei.

Aber selbst Radio Vatikan, durchaus nicht im Ruf, kirchliche Institutionen oder Ordensgemeinschaften in der Öffentlichkeit in ein »schiefes Licht« zu rücken, sendete am 4. September 1979: »Es ist zwecklos zu leugnen, daß das Opus Dei in manchen Ländern großen Einfluß im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich besitzt.« Und Radio Vatikan erkannte ein »gewisses Elite-

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prinzip, welches das Opus Dei in der Auswahl seiner Mitglieder anwendet. Dies hat zur Folge, daß sich Mitglieder dieser Laienvereinigung in vermehrtem Ausmaß in einflußreichen Stellungen befinden, was die berufliche Zusammensetzung in bestimmten Bereichen begünstigt, ja sogar nahelegt. Dadurch entstehen einflußreiche Gruppierungen, wie sie in unserer modernen westlichen Gesellschaft von immer größerer Bedeutung werden.«(71) Das wichtige Medium des Vatikans bekundete damit grundsätzliches Verständnis für das Eliteprinzip, das Vorgehen und die Strategie des Opus Dei, zeigte aber kein Verständnis für die Politik der Geheimhaltung, das konspirative Element dabei.

Klerikale Eliten

Das Hauptquartier des Opus Dei befindet sich in Rom, dem administrativen »Herz« der römisch-katholischen Kirche. Hier entwickelte die Führung des Opus ihre Strategien zur Rettung der Kirche, die sie spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil, das endlich ausdrücklich die persönliche Gewissens- und Religionsfreiheit mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche »versöhnen« wollte, von inneren Erosionsprozessen heimgesucht sah, »von Irrlehren, Theologenaufsässigkeit, allgemeinem Disziplinverfall, Priesterflucht und Liturgiewillkür.« (72)

          Wenige Jahre nach dem Ende des Konzils äußerte sich Escrivá in einem Leitartikel der Opus-Zeitschrift »Crónica« zum Zustand der Kirche: »Das Böse kommt von innen und von hoch oben. Es gibt eine wirkliche Fäulnis, und zur Zeit scheint es, als sei der Mystische Leib Christi ein Leichnam in stinkender Verwesung. Wie viele Beleidigungen gegen Gott gibt es. Wir sind so zerbrechlich, und sogar noch zerbrechlicher als andere. Aber wie ich schon immer gesagt habe: wir haben eine Verpflichtung zur Liebe; wir müssen jetzt unserem Dasein einen Sinn zur Wiedergutmachung

geben«(73)

          Das II. Vatikanische Konzil war für Escrivá wie für viele fundamentalistische Kreise eine Art Katalysator. Hier sah man die Ursache aller »Fehlentwicklungen», welche die Kirche letztlich zerstören würden, falls nicht jene, die den wahren, recht-gläubigen und sicheren Rest der Kirche darstellen, das »Ruder herumwerfen«

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würden. Das Opus Dei sah sich in vorderster Front und suchte Bündnispartner in der kirchlichen Elite. Peter Hertel beschreibt, wie das Opus Dei konsequent Kirchenführer in das »Centro Romano di Incontri Sacerdotali« (CRis), das Zentrum der Opus Dei Klerus in Rom, Anfang der siebziger Jahre einzuladen begann: »Jeder Kirchenmann, der wichtig war oder wichtig werden konnte, wurde eingeladen, wenn er in Rom war. Versprach der Kontakt Erfolg, wurde er erneut eingeladen. (...) Im Priesterzentrum des Opus Dei herrscht eine Atmosphäre, die den Oberhirten aus eigener Erfahrung gut bekannt ist und in der sie wehmütig an die Zeiten der religiösen Geschlossenheit erinnert werden, als die Kirche in westlichen Ländern wesentlich mehr Macht und inneren Zusammenhalt besaß. Sie sahen, daß das Werk wuchs, während andere Orden und Gemeinschaften kleiner wurden. Wachstum, Stabilität und Sicherheit - gegen den allgemeinen Trend; das wirkt auf Kirchen früher unterschiedlicher Richtungen überzeugend«.(74)

          Zu den offensichtlich regelmäßigen Gästen zählten Joseph Kardinal Höffner aus Köln, Franz Kardinal König aus Wien und vor allem Karol Kardinal Wojtyla aus Krakau, der spätere Papst Johannes Paul II.

Die Verführbarkeit der Eliten

All denjenigen, die durch die Verführbarkeit der Eliten und Akademiker irritiert sind, sei eine Lebenseinsicht Friedrich Heers, des Wiener Kulturhistorikers und Streiters für den Humanismus, mitgeteilt: »Ich erinnere immer wieder, unvergeßlich für mich, in einer meiner Haftzeiten bin ich durch das Reichssicherheitshauptamt in Berlin geführt worden: ein langer Gang. An den Türen lauter akademische Titel von hohen SS-Führern, Adelstitel übrigens auch. Bildung schützt vor Barbarei nicht, das heißt Schulbildung, akademische Titel, etc. Bildung ist nicht zufällig ein Wort des schwäbischen Pietismus. Es bedeutet die tägliche Bibellesung.« (75)

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laguer in einer Form, die von der Bevölkerung als Verspottung empfunden werden mußte: »Natürlich brauchen die Menschen Schuhe. Aber sie brauchen auch eine Krawatte, und der Leuchtturm ist ihre Krawatte.« Und der Freund des Präsidenten, Kardinal Nicolás de Jesus López Rodriguez, Metropolitanbischof der Kathedrale von Santo Domingo und Vorsitzender der staatlichen »Kommission für die Fünfhundertjahrfeier der Entdeckung und Christianisierung Amerikas«, schleuderte den Kritikern der Jubelfeiern trotzig entgegen: »Keiner in der Welt wird uns daran hindern, die Ankunft des katholischen Glaubens auf diesem Kontinent zu feiern.« (78)

          Für die Mehrheit der Bevölkerung wurde der Leuchtturm zur Verkörperung einer Politik, die arrogant die Verschlechterung ihrer Lebenssituation in Kauf nimmt. Weil im Zusammenhang der offiziellen Feierlichkeiten soziale Unruhen und Protestaktionen befürchtet wurden, weihte nicht der Papst, sondern der Präsident der Dominikanischen Republik den Kolumbus-Leuchtturm mehrere Tage vor Ankunft des Papstes ein. Die geplante Papstmesse vor dem »Faro a Colón« wurde auf den 11.Oktober vorverlegt.

          Während der feierlichen Messe, die einen Tag vor dem offiziellen Beginn der IV. Gesamtlateinamerikanischen Bischofskonferenz (12. bis 28. Oktober 1992) stattfand, trug Papst Johannes Paul II. in seiner Predigt die römische Interpretation der Architektur des Kolumbus-Denkmals vor: »Wir sind vor dem Leuchtturm des Kolumbus versammelt, der in seiner Kreuzesform das Kreuz Christi symbolisieren soll, das im Jahre 1492 in diese Erde eingepflanzt wurde. Damit wollte man zugleich den großen Admiral ehren, der als seinen Willen niedergeschrieben hat: >Stellt Kreuze an allen Straßen und Wegen auf, damit Gott sie segne.< (...) So begann die Aussaat der kostbaren Gabe des Glaubens.«(79)

          Hinter dieser triumphalistischen und zynischen Sicht der Geschichte seitens des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche, das die Kolumbustat als den Beginn einer »grandiosen Epoche der Missionierung« bezeichnete, die es gegen »ideologische Verleumdung« zu verteidigen gelte, traten zurückhaltende Sätze zum Gedenken an die Opfer völlig zurück: »Möge das Wissen um den Schmerz und die Ungerechtigkeiten, die so vielen von unseren Brüdern und Schwestern angetan werden, bei dieser Fünfhundert-

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jahrfeier eine geeignete Gelegenheit sein, demütig für die Beleidigungen um Verzeihung zu bitten und jene Voraussetzungen für ein Leben der einzelnen, der Familien und der Gesellschaft zu schaffen, die eine integrale und gerechte Entwicklung für alle gestatten, vor allem für die am meisten Verlassenen und Hilflosen.«(80)

Kreuz und Schwert, Evangelium und Gold

Was der Papst als »Demütigungen« bezeichnet, ist für Historiker und die Indigenas und Nachkommen der afrikanischen Sklaven der größte Völkermord, der weltgeschichtlich ohne Beispiel ist. In den ersten hundertfünfzig Jahren der Eroberung und Ausplünderung Lateinamerikas wurden siebzig Millionen Ureinwohner eliminiert, 466000 jedes Jahr, 1220 täglich! »Wie hieß die Todesmaschine? Gold und Evangelium hieß sie: Gold, um die unersättlichsten Ansprüche zu stillen, Evangelium, um die eben entdeckten >Barbaren< der von Gott (und dem Herrscher!) geerbten Macht zu unterwerfen. Wie die Todesmaschine hieß? Kreuz und Schwert für eine zu unterwerfende Welt; Gold und Evangelium zur Stärkung und Finanzierung des Königreichs; schrecklicher Völkermorde und des grauenhaftesten Ethnozids fähige Mönche und Bastarde.« (81)

          Christóbal Colón, Christusbringer und Kolonisator, fuhr nicht nur im Namen der Königin und Fanatikerin Isabella die Katholische von Kastilien - »Gott hat mich auserwählt als Arm und Hammer des Christentums, die Ketzer auszumerzen« -, sondern auch im Namen des Papstes Alexander Vl.

          Kirchliche Beobachter befürchteten, Papst Johannes Paul 11. könnte gar im Reisegepäck nach Santo Domingo die Seligsprechung Isabellas mitbringen. Offensichtlich drängten reaktionäre Kreise jüngst auf die Heiligsprechung der grausamen und blutrünstigen Isabella, was kaum anders als eine Billigung ihrer Taten (Inquisition, Judenverfolgung, Invasion Amerikas) angesehen werden könnte.(82) Der Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Angelo Felici, teilte inzwischen mit, die Eröffnung des Verfahrens sei »verschoben« worden (Le Monde, 30.Januar 1991).

          Für die Bewohner Lateinamerikas begann mit Kolumbus ein »Prozeß der Auslöschung, der nie aufgehört hat«, so eine Indianerin.

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Opus Dei - »mit dem Papst konform«

Opus Dei gehe »erklärtermaßen in seinen Ansichten insbesondere zur Befreiungstheologie mit dem Papst konform«. Dies betonte das Opus im Zusammenhang einer Klage gegen das ARD-Fernsehmagazin »Monitor«(91) (Westdeutscher Rundfunk). Beobachter halten diese Behauptung einerseits für nur teilweise zutreffend, weil der Papst und der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Joseph Ratzinger, ihre Kritik zumindest ansatzhaft differenziert vortragen würden. Andererseits sehen sie in der behaupteten Konformität der Position des Opus Dei mit der vatikanischen eine starke Untertreibung. Das Opus Dei habe entscheidenden Anteil an den römischen Versuchen der Domestizierung der Theologie und Kirche der Befreiung. Parallel zum wachsenden Einfluß des Opus Dei im Vatikan habe sich die Politik Roms unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. gegen die Kirche und Theologie der Befreiung gewendet. Der Vatikan sei kein monolithischer Block, und das Opus Dei sei dabei, den römischen Verwaltungsapparat zu kolonisieren. Je mehr Positionen von Mitgliedern, Anhängern und Sympathisanten besetzt würden, um so gezielter und systematischer sei die Disziplinierung und Bekämpfung dieser Kirche möglich geworden, deren erklärtes Ziel das -Ende- der kirchlichen Komplizenschäft mit den Mächtigen und Reichen ist.

          Der Kampf gegen die Befreiungstheologie begann im Opus Dei bereits 1972, als deren Protagonisten gerade erst begannen, aus den Erfahrungen des massenhaften Elends und des politischen Terrors ihre gesellschaftliche und kirchliche Programmatik zu formulieren. Der deutsche Kirchenführer und Vorsitzende des Bischöflichen Hilfswerks »Adveniat«, Bischof Franz Hengsbach, führte seine erste heftige Attacke gegen die Befreiungstheologie nicht zufällig vom römischen Hauptquartier des Opus Dei aus.(92) Der Kirchenmann war ein enger Freund des Opus Dei; »freier Mitarbeiter« wäre wohl die treffende Verhältnisbezeichnung. 1974 erhielt er aus der Hand des Großkanzlers Josemaria Escrivá die juristische Ehrendoktorwürde der Opus-eigenen Universidad de Navarra im spanischen Pamplona; offensichtlich als symbolischen Dank für seine Koordinierung der Zusammenarbeit zwischen Adveniat

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und Opus Dei, das den lateinamerikanischen Kontinent seit den fünfziger Jahren im Fadenkreuz hatte.

Pinochet und seine Berater vom Opus Dei

Seitdem sind in den Medien regelmäßig Berichte publiziert worden, die dem Opus Dei ideologische, finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung rechtsgerichteter Militärregimes und die Komplizenschaft mit ultra-konservativen Machteliten lateinamerikanischer Länder vorwerfen. Das konspirative Verhalten der Opus-Mitglieder und die strikte Geheimhaltung der Mitgliedschaften erschwerte die journalistischen Recherchen und verhinderte häufig, daß der Verdacht der Komplizenschaft restlos erhärtet und die Verbindung zwischen der politisch-militärischen Machtelite und dem Opus Dei lückenlos aufgezeigt werden konnte. Die Geheimorganisation dementierte die Vorwürfe regelmäßig.

Die »Süddeutsche Zeitung« berichtete 1976 über den sprungartig gestiegenen Einfluß einiger Finanziers in Chile nach dem blutigen Militärputsch Augusto Pinochets gegen den demokratisch gewählten Staatspräsidenten Salvador Allende. »Die wichtigsten Namen der chilenischen Wirtschaft sind heute eng mit dem Finanzimperium verbunden, das sich die technokratischen Genies des Opus Dei in Spanien errichtet haben, darunter der chilenische Zuwanderer Fernando Larrain alsHauptaktionär des Banco de Gredos. Seine Finanzgruppe in Chile wird vom Volksspott mit dem Namen des Raubfisches Pirana bedacht.« Finanzgruppen, die »das integralistische Weltbild des spanischen Opus Dei in Chile verwirklichen« wollten, seien die »einzigen >Kreise<«, die »Einfluß auf das Denken« Augusto Pinochets hätten.' Auch die Wochenzeitung »Die Zeit« berichtete über das politische Konzept der »Neuen Demokratie«, das »Pinochet und seine Berater vom Opus Dei dem Land aufzwingen möchten«. (94)

          Die Strategie des Opus Dei zielte nicht nur auf die Rekrutierung von Vertretern der Machtelite des jeweiligen Landes, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau eigener Ausbildungsinstitute für mittlere und höhere Führungskräfte der Wirtschaft, Manager, Juristen, künftige Unternehmer und Banker. Die an den Opus

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den werde ich vor allem die Charakteristika mafiosen Verhaltens und mafioser Methodik skizzieren, die eine besondere Affinität zu den Denk- und Verhaltensmustern fundamentalistischer Gruppierungen und Geheimbünde in und am Rande der Kirche aufweisen.


Geheimnis und Maske (1)

Zum Kernbestand mafioser Mentalität und Tradition gehört das »Lob des Schweigens« und die Verachtung der »Geschwätzigkeit«, wie es im mafiosen Milieu heißt. An oberster Stelle des mafiosen Verhaltenskodexes steht die unbedingte Schweigepflicht, die Omertà. Auf Geheimnisverrat folgen allerschwerste Sanktionen. Giovanni, ein anonymer Sizilianer, der vierzig Jahre im Dienst der Mafia verbrachte, erzählt in seinem Lebensbericht: »Mein Vater sagte immer, das Beste sei das, was man nicht ausspreche.«(2) Aber Omertà bedeutet nicht nur das Schweigegebot gegenüber staatlichen Behörden und Medien, sondern umfaßt auch ein Verständnis und Konzept von Ehre. Ehrenmänner regeln ihre Angelegenheiten allein bzw. mit Hilfe von »Freunden« und Mitgliedern der »Familie«. Die Omertà hat mindestens drei Funktionen:

          Erstens verhindert sie jeden Einblick in die interne informale Kommunikations- und Organisationsstruktur, in die Hierarchie einer Mafia-Familie und ihrer Klientel; nicht einmal bekannt ist, wer der Mafia-Familie direkt oder indirekt zuarbeitet, wer zum engeren Kreis gehört, wer für sein Handeln Protektion oder Begünstigungen erhält. Dadurch wird jeder öffentlich-staatliche Eingriff abgeschirmt. Kriminologische oder staatsanwaltliche Ermittlungen werden verhindert, zumindest sehr erschwert. Sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens. »La mafia non esiste« - es gibt sie nicht, die Mafia, ist der häufigste Satz, den Fahndung und Staatsanwaltschaft am häufigsten bei ihren Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen zu hören bekamen.

          Der Vollstrecker der faschistischen Maßnahmen im StaateMussolinis, Cesare Mori, sah in der Mafia das Produkt der Omertà, als Resultat einer Mentalität und informellen Werteordnung, die sich mit polizeilichen Mitteln kaum bekämpfen lasse. Er wußte, womit er es tatsächlich zu tun hatte, und schrieb über die innere Struktur der Mafia: »Keine Statuten: es genügt das Gesetz der Omertà, es

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genügt die Tradition.«(3) Um den Herrschaftsanspruch des faschistischen Duce durchzusetzen, setzte er auf Gewalt und staatlichen Terror, der seiner Auffassung nach noch brutaler und gnadenloser als die Gewalt der Mafia sein mußte. Als Mittel gegen die Omertà, gegen das Schweigen, erklärte er Folteruren zum notwendigen »Werkzeug«, zum willkürlich einsetzbaren Instrumentarium seiner Streitkräfte.

          Zweitens wird faktisch jeder, der schweigt, zum Komplizen gemach Wenn er indirekt oder direkt von einer kriminellen oder illegalen Handlung profitiert, wird er, erpreßbar und immer stärker in die Ziele und Methodik krimineller Organisation eingebunden. Er verfängt sich zunehmend im Regelwerk mafioser Mentalität, weil er in die Schuld der Mafia gerät und irgendwann eine Gegenleistung erbringen muß. Diese kann eine ebenfalls illegale und kriminelle Handlung sein oder, was bei einflußreichen Klienten der Mafia häufiger der Fall ist, eine Begünstigung, Förderung mafioser Interessen, das Wegsehen bei illegalen Aktivitäten oder die Behinderung von staatlichen Ermittlungen.

          Drittens erzielt das Schweigen des Mafiosi eine Aura des Respekts. Dazu der Sozialwissenschaftler Henner Hess: »Wesentliches Kennzeichen des Mächtigen ist nun nicht äußerer Pomp, sondern das ihn umgebende Geheimnis.(...) Jemand, der ein Geheimnis besitzt, im Verschwiegenen operiert, hat eine diffuse Bedeutung und Wichtigkeit, er kann verborgene Möglichkeiten ausnutzen, er wird respektiert, bewundert, beneidet und gefürchtet.« (4) Und Virgilio Titone schreibt: »Der wahre Mann stellt sich vor allem dar in seinem Schweigen, in der geheimen Gegenwart einer verborgenen Macht, langen und versteckten Wegen; er steht im Zentrum anderer Männer, die gleich ihm im Dunkeln arbeiten«. (5)

          Letztlich weiß man nicht, mit wem man es zu tun hat, welche Macht bzw. welche Mächtigen hinter ihm stehen. Das Schweigen, das Geheimnis befindet sich im innersten Kern der -Macht. Zur Mac t gehört, daß der Mächtige sich nicht durchschauen läßt. Er ist wortkarg und teilt nichts über seine Gesinnung, seine Absichten und Mittel mit, die ihm zur Verfügung stehen. Er gibt auf keine Fragen eine Antwort. Der Mafiosi liebt es, seine Macht zu verschleiern. Er weiß, daß hinter dem Schleier der »Bescheidenheit« die Macht nur umso unheimlicher gespürt wird.

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2. KAPITEL

Die ehrenwerten Herren geben sich geheimnisvoll

Geheime Bünde, Gesellschaften und Organisationen haben das Geheimnis nur in äußerst seltenen Fällen als Selbstzweck inszeniert und romantisch zelebriert, auch wenn dies immer auch dem elitären Bewußtsein der Mitglieder, der »Eingeweihten« geschmeichelt hat. Schweigegebot, Geheimnis und konspiratives Verhalten dienen dem jeweiligen Zweck geheimer Bünde, der vor allem auf einen Zuwachs an Einfluß und Macht zielt.

          Das Opus Dei wurde in seinem Ursprungsland Spanien bereits früh »Santa Mafia« genannt. Immer wieder stieß man im kirchlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich auf äußerst verschwiegene Mitglieder des Opus, dessen Macht und Einfluß offensichtlich groß schien, aber nur schwer kalkulierbar war. Der Titel »Heilige Mafia« kann eine gewisse Plausibilität für sich beanspruchen: Er konfrontiert treffend das Selbstverständnis des Werkes - als »heilige« Institution und als wahrer, rechtgläubiger Kern der katholischen Kirche - mit der Geheimnistuerei und dem geheimbündlerisch-konspirativen Gehabe des Opus Dei.

          Die Scheu vor der Öffentlichkeit, der geheime Charakter dieser Organisation, erklärt sich zum Teil aus seiner Gründungsgeschichte. Als am 14. April 1931 die Zweite Republik Spaniens ausgerufen wurde und die Regierung eine Auflistung der Reichtümer der katholischen Kirche veröffentlichte, kam es in der Folge wiederholt zu massiven kirchenfeindlichen Kundgebungen und erbitterten antiklerikalen Aktionen. (17) Diese hatten offensichtliche Ursachen. Der katholische Klerus besaß in Spanien seit frühester Zeit eine außerordentliche Macht, die Inquisition wütete wie kaum in einem anderen Land Europas. Die Kirche hatte parallel dazu durch ihre Bündnisse mit den Mächtigen unermeßlichen Reichtum akku-

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muliert, während gleichzeitig breite Bevölkerungskreise verarmten. Bis zur Ausrufung der Republik war die Kirche im gesellschaftlichen wie im kulturellen Bereich allgegenwärtig.. Das alles war im Bewußtsein der Bevölkerung lebendig. Man sah in der Amtskirche die Verbündete der Mächtigen.

Während die Geheimhaltung aber in der Gründungszeit des Opus durchaus verständliche Schutzfunktionen hatte, kann das spätere und heutige geheimnisvolle Verhalten nur als Kernbestand der Strategie begriffen werden. Hans Urs von Balthasar erkannte die zwielichtige Verbindung von Elitenprinzip und konspirativem Element und formulierte in seinen »Friedlichen Fragen an das Opus Dei«: »Gibt es im Raum derKirche rechtens geheime

          Organisationen?Haben solche nicht im 19. Jahrhundert und zur eis Modernismus in der Kirche und um sie herum eine geistige Malaise verbreitet, aus der wir heute um jeden Preis herauswollen, dadurch daß wir vor uns und vor den anderen nichts, gar nichts mehr verdeckt halten wollen, von jedem hohen Roß heruntersteigen, um mit allen Mitchristen und Mitmenschen auf gleicher Ebene zu leben, zu denken und uns auszutauschen? Ich weiß: Ihr leugnet euren geheimen Charakter (...) und erklärt die Sache als bloße >Diskretion<. Aber das deutliche Mißverhältnis zwischen absolut fehlender Publizität und eifrigster Werbung und Wirkung im stillen erläutert doch das, was ich meine. Der geheime oder halbgeheime Charakter mancher Weltgemeinschaften ist genau so lange tragbar, als sie sich nur als Einzelne drunten in der Masse engagieren, nur den Anderen dienen und ihnen den christlichen Geist vorleben wollen; untragbar wird er, sobald dahinter eigene weltliche Machtkomplexe stehen.«(18)

          Was von Balthasar in den sechziger Jahren als »untragbar« bezeichnete, ist heute skandalös. In Fragen diverser finanzpolitischer, wirtschaftlicher und politischer Aktivitäten von Opus DeiMitgliedern äußerten Kirchenbeobachter und Journalisten wiederholt zahlreiche Verdachtsmomente, die in die Richtung illegaler Finanzgeschäfte weisen. Bei ihren Recherchen stießen sie regelmäßig auf die Geheimhaltungsstrategien. Dies verhinderte fast regelmäßig, daß der Verdacht restlos erhärtet und die Verbindung von illegalen Finanzgeschäften zum Opus Dei nicht lückenlos hergestellt werden konnte. Der geheime Charakter des Opus Dei ist

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die offensichtlichste Affinität zum mafiosen Verhalten und zur mafiosen Herrschaftstechnik, die von der sozialwissenschaftlichen Forschung für das Phänomen Mafia in der italienischen Gesellschaft festgestellt worden ist. Ich benenne und skizziere die Bedeutung des Geheimnisses für das »Werk Gottes« in fünf Punkten.

»Schweige!«

An unzähligen Stellen in den Schriften des Josemaria Escrivá, den internen und geheimen Dokumenten und Verhaltensregeln des Opus Dei, werden die Mitglieder zur »Diskretion« aufgefordert, die »weder Geheimhaltung noch Geheimnistuerei« sei, sondern »einfach: sich natürlich verhalten« (Der Weg, Nr. 641). Aber die vornehme verschleiernde Bezeichnung »Diskretion« ist mehr als nur das »Lob des Schweigens« und die Verachtung der »Geschwätzigkeit«. Sie erklärt das Schweigen und die Geheimhaltung zur wichtigen Verhaltensmaxime: »Geschwiegen zu haben wirst du nie bereuen: gesprochen zu haben oft« (Der Weg, Nr. 639) - »Offenbare nicht ohne Grund das Vertrauliche deines Apostolates: siehst du nicht, daß die Welt voll egoistischer Verständnislosigkeit ist? (Der Weg, Nr. 643) - »Was für ein gutes Beispiel gibt uns die Mutter Gottes! Nicht einmal dem heiligen Joseph verrät sie ihr Geheimnis. Bitte die Herrin um die Diskretion, die dir fehlt« (Der Weg, Nr. 653) - »Ich kann dir die Bedeutung der Diskretion nicht genug ans Herz legen. Vielleicht ist sie nicht die Spitze deiner Waffe, aber zumindest der Griff« (Der Weg, Nr. 655).

          Jedem Mitglied wird eingeschärft, daß es vor allem in Gesprächen außerhalb der »Familie« möglichst schweigsam sein soll, um nichts preiszugeben, nichts zu verraten und keinen Einblick in Ziele und Innenleben des Opus Dei zu ermöglichen: »Wärest du diskreter, dann brauchst du dich nicht über den schlechten Nachgeschmack zu beklagen, den du nach mancher Unterhaltung verspürst« (Der Weg, Nr. 646) - »Schweige immer, wenn du in dir Entrüstung aufkommen spürst. - Auch wenn du völlig zu Recht empört bist. Denn in solchen Augenblicken sagst du trotz aller Diskretion mehr als beabsichtigt« (Der Weg, Nr. 656). Die »Diskretion« wird den Mitgliedern zudem mittels Slogans wie »Die schmutzige Wäsche wird zuhause gewaschen« und »Man darf die

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Perlen nicht den Schweinen vorwerfen« eingeschärft, die einerseits harmlos klingen, andererseits das elitäre Bewußtsein ansprechen.

Geheimhaltung und gezielte Irreführung

Das Opus Dei streitet bis heute regelmäßig ab, eine Geheimgesellschaft oder Geheimorganisation zu sein. Es sei dahingestellt, ob diese stereotyp vorgetragenen Behauptungen Ausdruck eines immensen Realitätsverlustes oder gezielte Irreführungen der Öffentlichkeit sind. Tatsache bleibt in jedem Fall, was in den »Vereinsvorschriften« zu lesen ist.

          1970 hatte der Spanier Jesus Ynfante die spanische Übersetzung der - im Originaltext lateinischen - geheimen »Constitutiones« des Opus Dei veröffentlicht, was als schwerer Verrat angesehen wurde. Die für jedes Mitglied bindende Satzung, die sogenannten Konstitutionen, die nach offiziellen Opus-Angaben 1982 durch die Statuten (Codex des Sonderrechts des Opus Dei) abgelöst worden sind, erklären zur »Informationspolitik«, richtiger Desinformationspolitik des Opus Dei: »Den Außenstehenden bleiben die Zahlen der Mitglieder verborgen. Ja, die Unsrigen dürfen über diese Themen mit Außenstehenden überhaupt nicht sprechen. (...) Ein Fehlen der Diskretion könnte ein schweres Hindernis für die Ausübung der apostolischen Arbeit bilden oder eine Schwierigkeit im Umfeld der eigenen natürlichen Familie oder in der Ausübung von Amt oder Beruf hervorrufen. Deshalb wissen die Numerarier oder Supernumerarier (das sind die ehelos bzw. verheirateten Mitglieder des Werkes; MM) sehr wohl, daß sie immer kluges Stillschweigen bezüglich der Namen von anderen Mitgliedern zu wahren haben; und niemandem gegenüber enthüllen sie, daß sie selbst zum Opus Dei gehören«.(19)

          Der deutsche Journalist Peter Hertel hat glaubhaft nachgewiesen, daß diese in den Konstitutionen festgelegten Verpflichtungen zur Geheimhaltung bis heute de facto ihre Gültigkeit behalten haben und keineswegs durch die 1982 - im Zuge der Ernennung zur Personalprälatur - veröffentlichten Statuten außer Kraft gesetzt worden sind.(20)

          Das Opus Dei bestreitet dies mit dem Hinweis auf Artikel 89 der

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Statuten, in denen von Geheimhaltung keine Rede sei. Im entscheidenden Paragraph 2 des Artikels 89 aber steht lediglich, daß »die Namen der Vertreter des Prälaten« (das sind vor allem die Regionalvikare, die Leiter der Ländervertretungen) und »die Namen derer, die ihre Beiräte bilden«, in den Opus-Rundschreiben bekanntzugeben sind. »Den Bischöfen, die darum ersuchen, sind nicht nur die Namen der Priester der Prälatur mitzuteilen, die in den betreffenden Diözesen ihren Dienst verrichten, sondern auch die Namen der Direktoren der Zentren, die in der Diözese errichtet wurden.« (21)

          In meinen Augen sind diese Regelungen Augenwischerei und bewußte Irreführungen der Öffentlichkeit, der Bischöfe und Bistumsverwaltungen. Der Vorwurf der Geheimhaltung wird keineswegs entkräftet. Bei den zur Veröffentlichung freigegebenen Namen handelt es sich ohnehin um bekannte Mitglieder der offiziellen Vertretungen in den einzelnen Ländern (nationaler Pressesprecher, Leiter der Niederlassung usw.). Und die Bischöfe erfahren gerade nicht, was für das Bistum von großer Bedeutung wäre: Welche der Diözesanpriester gehören der »Priesterlichen Gesellschaft vom Hl. Kreuz« an? Theoretisch könnte fast der gesamte Klerus eines Bistums dieser klerikalen Opus Dei-»Pressure group« angehören, ohne daß der Bischof oder die verschiedenen Kirchengemeinden davon Kenntnis haben. Die »Priesterliche Gesellschaft vom Hl. Kreuz« ist eine Assoziation des Opus Dei. Ihr gehören an

          Spitze die Kleriker der Prälatur, die sogenannten »NumerarierPriester«, und die Diözesankleriker an. Diözesanpriester sind sowohl die sogenannten »Assoziierten Priester« (in Bewußtsein und Verfügbarkeit identisch mit den Numerarier-Priestern, nicht aber hinsichtlich der Eingliederung in die hierarchische Struktur des Opus) als auch die »Supernumerariers-Priester« (in gewisser Distanz zu den »Apostolatspflichten« der Opus-Tätigkeit).

          Entscheidend hinsichtlich der Gültigkeit der alten Konstitutionen ist aber der folgende Passus aus den Statuten (»Dispositiones Finales«, Paragraph 2): »Alle dem Opus Dei bereits eingegliederten Gläubigen, sowohl Priester wie Laien, sowie die Assoziiertenund Supernumerarier-Priester der Priesterlichen Gesellschaft vom Heiligen Kreuz« haben sich »an dieselben Verpflichtungen zu halten und genießen dieselben Rechte, die sie unter der vorhergehen

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den juristischen Leitung besessen haben, soweit nichts anderes in den Vorschriften dieses Codex festgelegt ist«.(22)

          Niemand außer der Führungsspitze des Opus Dei weiß, wieviele Diözesankleriker der dem Opus angeschlossenen Priestergesellschaft national und weltweit angehören. Dieses Geheimnis wird strengstens gehütet, weil es eine Quantifizierung des tatsächlichen Einflüssen des Opus Dei in der römisch-katholischen Kirche ermöglichen würde.


Bürokraten der Geheimniskrämerei

Die Pflicht und Praxis der Geheimhaltung für die Führungsriege des Opus Dei ist im hohen Maße bürokratisiert und paragraphiert. Die internen Ausführungsbestimmungen zu den Statuten zeugen von einer Detailbesessenheit, die ein krankhaftes Mißtrauen gegenüber jedermann und eine Verschwörer-Mentalität vermuten lassen. Zudem scheint das Vertrauen der Spitze des Opus Dei in die Intelligenz und Phantasie ihres Personals nicht besonders ausgeprägt zu sein. In dem geheimen »Vademecum de los Consejos Locales«, zu deutsch »Leitfaden für die örtlichen Räte« (Rom, 19. März 1987), wird detailliert der Umgang mit den Instruktionen und Briefen des Gründers sowie den internen, geheimen Vorschriften und Regelwerken des Opus Dei eingeschärft: »Die Instruktionen und Briefe unseres Gründers, die Glosas, das Vademecum usw. müssen in dem Zentrum verbleiben, dem sie zugewiesen sind. Sie sind im Büro des Direktors unter Verschluß zu halten und dürfen das Zentrum nicht verlassen. Falls dies aber durch einen ganz außergewöhnlichen Umstand - beispielsweise durch einen Umzug - doch einmal nötig sein sollte, müssen sie mit äußerster Umsicht transportiert werden: in einer Aktentasche, Handtasche oder einem Köfferchen, die ausschließlich für diesen Zweck vorgesehen sind und die immer ein Direktor trägt. Ähnlich dürfen Schriftstücke auf Reisen nicht in Koffern mitgeführt werden, weil man diese vertauschen oder verlieren kann. Auf Bahnhöfen oder Flugplätzen dürfen sie nicht in der Gepäckaufbewahrung o. ä. verbleiben. Reist man mit dem Auto, so dürfen sie beim Verlassen des Wagens nicht darin zurückgelassen werden - auch wenn das Fahrzeug verschlossen wird. Aus Gründen der Klugheit

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und der Ordnung ist es auch sehr ratsam, Papiere nicht in Handtaschen bei sich zu tragen oder sie auf dem Schreibtisch liegenzulassen, wenn man das Zimmer verläßt.« (23)

          Damit nach so vielen Vorschriften niemand nervös wird oder gar von dem Gefühl beschlichen wird, es gehe nicht alles mit rechten Dingen zu, heißt es beschwichtigend weiter: »Wenn aber einmal alle oder ein Teil der Dokumente abhanden kommen, dann ist umgehend die Regionalkommission über alle Einzelheiten zu informieren, ohne daß man freilich zu meinen braucht, dieses Mißgeschick sei eine Katastrophe. Wenn sie verlorengehen, macht das nichts: Alles, was darin steht, ist nach Wesen und Form nicht nur gut und nobel, sondern heilig. Wenn deshalb jemand, der nicht zum Werk gehört, es läse würden ihn Freude und Zuneigung erfüllen beim Anblick der Geradlinigkeit der Überzeugung, der Reinheit der menschlichen und übernatürlichen Mittel, die zum Einsatzkommen, und der Liebe und Opferbereitschaft, die aufgebracht werden, um ohne Unterschied und ohne Angst der ganzen Menschheit zu dienen und Gutes zu tun.«(24)

          Bei der Lektüre dieser Zeilen, die jedes Detail festzulegen versuchen, ist kaum zu glauben, daß dieser Text für das Führungspersonal einer multinational operierenden Gesellschaft verfaßt wurde. Zudem stellt sich die gar nicht nur satirisch gemeinte Frage, weshalb das Opus Dei diese Vorschriften zur Geheimhaltungspraxis - mit all der selbstgenügsam behaupteten Noblesse, Heiligkeit, Reinheit, Liebe und Opferbereitschaft - nicht der Öffentlichkeit zugänglich macht oder sogar in großflächigen Zeitungsinseraten als Werbetext publiziert.

Hierarchie der Geheimnisse

Geheimbünde sind, bis auf wenige Ausnahmen, als Männerbünde konzipiert. Ihre Grundstruktur ist meistens streng autoritär und hierarchisch. Die Denk- und Verhaltensmuster der Mitglieder, die ganze Atmosphäre und die innere Struktur des Geheimbundes sind von einer ausgeprägten Arkandisziplin bestimmt. Die Geheimhaltung erstreckt sich zumeist auf Elemente wie Namen und Anzahl der Mitglieder, Ziele, Strategien und Aktivitäten, Versammlungsorte, Rituale, Sprache und Dokumente.

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Zentrales Strukturmerkmal geheimer Bünde und Organisationen ist zudem die Hierarchisierung des Geheimnisses. Je höher die Position in der internen Hierarchie, umso mehr Zugang zum geheimen Wissen des Bundes. Bei Geheimbünden mit religiös-mangelnder Intention betrifft dies vor allem die Einweihung in das Geheimwissen, die Initiationsriten, spirituellen Techniken und magischen Rituale. Bei politisch-weltanschaulich-ideologisch ausgerichteten Geheimbünden oder Geheimgesellschaften des kriminellen Organisationstyps betrifft dies vor allem den Zugang zum Wissen über Ziele, Strategien, Aktivitäten, Bündnispartner und Komplizen. Wer bis zur obersten Führungsspitze der geheimen Organisation vorgedrungen ist, mußte vorher einen harten Selektionsprozeß durchlaufen, der die Gefahr von Illoyalitäten und Verrat minimieren soll.

          Für das Opus Dei treffen diese allgemeinen Kennzeichen für Geheimbünde meiner Einschätzung nach vollumfänglich zu. Die Leitungsstruktur des Opus Dei ist streng hierarchisch. Das Werk ist in »Klassen«, getrennte Abteilurigen gegliedert, die jeweils verschiedene Möglichkeiten des Aufstiegs in der Hierarchie und damit des Zugangs zu Informationen zulassen. Das ehemalige Opus-Führungsmitglied Alberto Moncada äußerte dazu 1990: »Die Dokumente und Aufzeichnungen der Leitung, die von den verschiedenen Machtebenen des Opus Dei untereinander ausgetauscht werden, werden eifrig verwahrt, und wenige Personen, die verschiedene Eide der Verschwiegenheit ablegen, haben Zugang zu ihnen.« (25)

Klassen und Abteilungen(26)

Vier »Klassen« und Formen der Mitgliedschaft sind zu unterscheiden:

● Die in der Rangordnung oberste Klasse oder Mitgliedsgruppe stellen die Kleriker der Prälatur, die Numerarier-Priester dar, die schätzungsweise 1,8 Prozent der Mitglieder ausmachen. Grundsätzlich reklamieren die Kleriker die geistliche Befehlsgewalt für sich, weil sie - ganz im Sinne der römisch-katholischen Priesterkirche, wie sie bis zum II. Vatikanischen Konzil ohne jede Relativierung Gültigkeit besaß - allein über die Heilsgüter und Heils-

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wahrheiten zu verfügen glauben. Aus dem Klerus rekrutiert das Opus Dei das höchste Führungspersonal auf regionaler und internationaler Ebene: den Prälaten des Werkes (Leiter des Opus Dei; er wird vom männlichen Wahlkongreß gewählt und vom Papst auf Lebenszeit ernannt), den Generalvikar und Priestersekretär im römischen Hauptquartier des Opus, die Regionalvikare (Leiter der Ländervertretungen) und einen Großteil der Mitglieder des »Generalrates« sowie der wichtigen »Ständigen Kommission«, beide zuständig für das gesamte Opus Dei.

● Der zweite Mitgliedsstand ist die Gruppe der Numerarier oder ordentlichen Mitglieder, zu denen auch die Kleriker der Prälatur zählen. Die Numerarier leben ehelos »wie eine Familie ohne die Unannehmlichkeiten der körperlichen Zuneigung« in den Zentren und Häusern des Opus Dei. Das »Anforderungsprofil« der Numerarier erfordert eine akademische Ausbildung und akademische Titel. Die Männer dieser Gruppe haben Zugang zu den höchsten Führungspositionen. Die weiblichen Numerarierinnen können nur in der von der Männer-Hierarchie völlig separaten Frauenabteilung aufsteigen, die aber in allen Fragen klerikal kontrolliert und dominiert wird.

● Die ebenfalls eheloslebenden Assoziterten können in der Regel keine akademische Ausbildung vorweisen und kommen aus verschiedenen Schichten und Berufen. Sie leben entweder privat oder in Opus-Häusern. Zur Gruppe der Assoziierten zählen auch die Diözesankleriker, die in jedem Fall Mitglieder der »Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz« sind.

● Für höhere Positionen disqualifiziert sind die sogenannten Supernumerarier, die verheiratet sind bzw. heiraten dürfen.

● Für die Personen, c das Opus Dei unterstützen, ohne Mitglied zu sein, wählte man den unpräzisen Titel Mitarbeiter. Es ist zu vermuten, daß die Trennlinie zwischen Mitarbeitern, Anhängern und Sympathisanten kaum zu ziehen ist.

Fußvolk und Gehirn

Die Gliederung in verschiedene Abteilungen, die gegenseitige Abschottung der Abteilungen und die hierarchische Leitungsstruktur des Opus Dei ermöglichen einerseits eine nahezu perfekte

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Hierarchisierung der Geheimnisse, andererseits die Immunisierung der Mitglieder nach innen und außen. Das einfache Mitglied, das »Fußvolk des Opus Dei«, weiß in der Regel sogut wie nichts über die innere Struktur über die Aktivitäten des Opus, über Namen und Mitgliedschaft der regionalen Opus-Gruppe. Für jedes Mitglied zählt vor allem der unbedingte Gehorsam gegenüber dem Ranghöheren, dem Vorgesetzten. Auf Zweifel in den eigenen Reihen kann das einfache Opus-Mitglied nur mit dem Hinweis auf die religiösen Ziele reagieren. Die Fragen und Vorwürfe von Außenstehenden gegen die gesellschaftlichen Aktivitäten und Strategien des Opus Dei wird jemand aus dem Fußvolk zwangsläufig als ungerechtfertigten Vorwurf, als Unkenntnis über die »Heiligkeit« des Opus Dei oder als üble Diffamierung qualifizieren.

          Den durchschnittlich höchsten Informationsstand haben die Numerarier, besonders die Numerarier-Kleriker der Prälatur. Aufgrund der Aussagen ehemaliger Opus-Leiter ist zu vermuten, daß selbst die oberste Führungsspitze nicht über alle Informationen verfügt, insbesondere nicht über finanzielle und gesellschaftliche Operationen von Mitgliedern, weil eine systematische, gegenseitige Abschottung stattfindet. Festzuhalten ist, daß »die innere Struktur des Opus Dei dem Organismus der Geheimorganisation gleicht, zu dessen typischen Kennzeichen die Abschottung untereinander gehört: das eine Auge weiß nicht, was das andere sieht, erst recht wissen die Augen nicht, was die Hände oder Füße tun; nur das Gehirn kennt alles, was im Organismus vor sich geht«.(27)

»Klatscherei und Verwirrung«

Im »Vademekum für die örtlichen Räte« (1987) wird detailliert die Hierarchie der Geheimnisse und die Immunisierung der Mitglieder geschildert; dabei wird wieder einmal verharmlosend das Bild der Familie strapaziert:

          »Das Opus Dei ist eine Familie, die durch übernatürliche Bande zusammengehalten wird, und die Söhne brauchen - wie das in den Familien der Fall ist - nicht in alles eingeweiht zu sein, was ihre Eltern stark beschäftigt, und die jüngeren Söhne brauchen nicht um alles zu wissen, was den Eltern und den älteren Söhnen bekannt ist. Es wäre unklug - ja eine Verfehlung gegen die Liebe

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und die Gerechtigkeit-, Einzelheiten, um die man aufgrund des Amtes weiß, Personen mitzuteilen, die kein Recht haben, sie zu wissen; man soll das auch nicht, wenn man denkt, daß die Personen, mit denen man spricht, älter sind oder im Werk eine Leitungsaufgabe hatten oder besonders vertrauenswürdig sind.« (28)

          In jedem Fall soll zwischen den Mitgliedern jedes Gespräch über Strukturen und Vorgänge innerhalb des Opus Dei vermieden werden. Die gegenseitige Abschottung der Informationen funktioniert nur bei strikter Befolgung der zitierten Aufforderungen. Anderes Verhalten führe zwangsläufig zu »Klatscherei und Verwirrung«: »Auch wäre es ein falscher Eifer, wollte man, weil man sie (die oben genannten Personen; MM) so in ihrem geistlichen Leben zu unterstützen glaubt, zu ihnen über Dinge reden, auf deren Kenntnis sie kein Recht haben. Es ist unwahrscheinlich, daß die Urteilsfunktion dessen, der diese nicht auszuüben hat, nicht am Ende zu Klatscherei und Verwirrung führt«.(29) Im folgenden fühlen sich die Autoren des Vademekums ganz der »Atmosphäre« im Opus verpflichtet: »Den anderen das mitzuteilen wissen, was man wirklich sagen soll, gehört zum Können, über das die Direktoren zu verfügen haben. Etwas Derartiges aber - das Gott sei Dank nicht vorgekommen ist und nicht vorkommen wird - schüfe zudem eine Atmosphäre, die der Wärme, der Loyalität, der Liebe und dem Edelmut widerspräche, die dem Geist des Werkes zu eigen sind. Dieser Aspekt der Tugend der Klugheit wird durch das Feingefühl und den guten Geschmack vervollständigt, indem man auch schon den Anschein von Geheimniskrämerei, von diesem Zerrbild des Amtsgeheimnisses, von sich weist. Sätze wie: >Ich weiß das, darf es dir aber nicht sagen<, sind deshalb unzulässig.« (30)


Einstiegs-Lügen

Ehemalige Mitglieder haben wiederholt behauptet, sie seien - zu Beginn ihres Kontakts mit dem Opus Dei - Mitgliedern und zum Teil noch nach ihrem Beitritt - mit subtilem psychischen Druck angehalten worden, ihren Eltern darüber nichts zu sagen, weil vermutlich ein »negativer« Einfluß der Eltern auf die Beitrittsabsicht bzw. den Beitritt befürchtet wurde. Vladimir Felzmaäußerte den Verdacht, daß die Mitgliedschaft im Opus Dei für viele »mit

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Bei den Häusern, Einrichtungen und Initiativen des Opus Dei sind zwei Formen zu unterscheiden (36):

          Erstens die offiziellen Niederlassungen der Prälatur, die zumindest über die Adressenverzeichnisse (Personal und Institutionen) der Diözesen feststellbar sind und von Numerariern geleitet werden.

          Zweitens Institute, Vereine, Jugendclubs, Stiftungen, Studiengemeinschaften, »die juristisch nicht vom Opus Dei als Prälatur, sondern von Mitgliedern des Opus Dei ins Leben gerufen werden. (...) Für diese gesellschaftlichen Einrichtungen und Initiativen sind die Initiatoren als Träger zuständig und verantwortlich«.(37)

          Das Opus Dei nennt diese Institutionen »Korative apostolische Werke des Opus Dei«, deren Unternehmungen nicht kirchlicher, sondern ziviler Natur seien: »Sie sind deswegen auch nicht Eigentum der Prälatur, denn sie werden nicht vom Opus Dei, sondern von den jeweiligen Initianten betrieben. Diese sind als Zivilpersonen für Planung, Finanzierung, Bau sowie für alle organisatorischen, fachlichen, rechtlichen und ökonomischen Belange zuständig und darin nicht den kirchlichen, sondern den zivilen Behörden verantwortlich. Ähnlich wie bei den individuellen Mitgliedern des Opus Dei beschränkt sich die Kompetenz der Prälatur - und der Kirche - auf den geistlichen Aspekt« (38)

Verwirrspiel mit Tarnorganisationen

Ehemalige Mitglieder haben immer wieder darauf hingewiesen, daß die Organisation reich ist und diesen Reichtum »hinter juristischen Tricks« versteckt, »ein regelrechtes Verwirrspiel mit Tarnorganisationenbetreibt. Diese Vorwürfe sind durch journalistische Recherchen im Kern bestätigt worden. Gemeint sind damit vor allem Stiftungen, die von Opus Dei-Leuten, also Mitgliedern, Mitarbeitern oder Sympathisanten ins Leben gerufen werden und bei denen die Prälatur Opus Dei - anders als bei den »korporativen Werken« - nicht die »geistliche Verantwortung« übernimmt. Peter Hertel, der diese Konstruktion als »Spiel mit doppeltem Boden« bezeichnet, mußte bei seinen Recherchen feststellen, daß die Beziehungen der Einrichtungen, die genannten Stiftungen, Banken usw. die von Opus Dei-Leuten geleitet werden, wegen der vorgeschrie-

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benen »Diskretion«, der Geheimhaltung von Mitgliedschaften und ähnlichem, »für Außenstehende praktisch nicht wahrnehmbar« sei.

          Nur über die Namen von Opus-Dei-Mitgliedern, die zum Beispiel gleichzeitig in den Vorständen der verschiedenen Stiftungen, Banken und anderen Einrichtungen sitzen, kann die Verbindung einer Institution zum Opus Dei hergestellt werden. Die Konstruktion bedeutet praktisch: »Die Prälatur kann sich - sofern sie will - bei Handlungen ihrer Mitglieder stets als unbeteiligt ausweisen« und auf die rein religiösen Ziele des Opus Dei verweisen. (40)

Selbstverständlich hat die Führung des Opus den Vorwurf der Tarnorganisationen in verschiedenen offiziellen Erklärungen zurückgewiesen. Dabei achtet sie stets darauf, formal-juristisch ein, wandfrei zu argumentieren: »Die Behauptung, das Opus pflege Geheimhaltung, indem es unter >Tarnnamen< oder >Tarnorganisationen< auftrete, entbehrt jeder vernünftigen Grundlage. Richtig ist, daß die Gläubigen der Prälatur (die Mitglieder) als mündige Christen und Bürger ihre Verantwortung in Familie, Beruf und Gesellschaft selbst tragen. Das Opus Dei erteilt weder ein Mandat noch eine Vollmacht, noch einen kanonischen Auftrag.«(41)- »Die korporativen apostolischen Werke der Prälatur Opus Dei dürfen nicht mit solchen Einrichtungen - Schulen, Instituten, Clubs, Bildungszentren, Akademien, Sozialwerken - verwechselt werden, die Mitglieder des Opus Dei ins Leben rufen oder leiten, ohne daß die Prälatur die geistliche Verantwortung übernimmt. In diesen Fällen tragen die Initiatoren, und zwar sie allein, die Verantwortung nicht nur für das technische Funktionieren dieser Unternehmungen, sondern auch für ihre religiöse Ausrichtung auf der Grundlage der katholischen Glaubenslehre. « (41)

          Formal ist die Gründung und Leitung von Stiftungen durchaus »Privatsache einzelner Mitglieder des Opus Dei«, tatsächlich aber unternehmen sie derartige »Verwirrspiele« durchaus im Sinne und im Auftrag des Opus. Das Bekanntwerden interner und geheimer Dokumente ermöglicht den Beweis dafür. In dem Dokument »Vademecum de las Sedes de los Centros« (Leitfaden für die Sitze der Zentren) die am 6. Dezember 1987 von der Zentrale des Opus in Rom autorisiert worden sind, heißt es kurz und knapp: »Um zum Unterhalt jeder Apostolatsarbeit beizutragen, gründet

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ligen Verzicht auf die Herrschaft über die Dinge. Deshalb gibt es Arme, die in Wirklichkeit Reiche sind. Und umgekehrt« (Der Weg, Nr. 632).

          Eingedenk der Betonung des Arbeitsethos und der Aufforderung der Opus-Mitglieder zum beruflichen und damit finanziellen Erfolg darf vermutet werden, daß die individuelle Verpflichtung zur »Armut« zuerst und zuletzt zum Ziel hat, daß die Mitglieder dem Opus möglichst großen Gewinn bringen.

          Der ehemalige Opus-Numerarier und heutige Soziologieprofessor Alberto Moncada berichtet: »Die Numerarier des Opus Dei, übergeben alle Einkünfte, Erbschaften inbegriffen, der Organisation,und diese autorisiert und kontrolliert ihre Ausgaben. Auch 'wenn, durch den Druck der Umstände, zugunsten der Mitglieder im Handel und in freien Berufen hie und da ein Auge zugedrückt wird, so lebt doch die Mehrzahl unter peinlich genauer Kontrolle seitens der Vorgesetzten. Diese Kontrolle beinhaltet das Verbot eines eigenen Bankkontos und die Pflicht, das Testament zugunsten des Opus, Dei auf einen Treuhänder zu schreiben.«(46)

          Die Mitglieder des Opus Dei bringen der Organisation durch ihre regelmäßigen Einkommen (Lohnzahlungen, Unternehmensprofite usw.), aber auch durch Erbschaften Geld. Wenn man bedenkt, daß vor allem Frauen und Männer der mittleren und oberen Einkommen Mitglieder des Opus werden, müssen größere regelmäßige Geldsummen vermutet werden. Dazu kommen die »Extras« wie Erbschaften, die sich die Organisation durch intensive »Gewissenserforschung<« der Erben, die Mitglied des Opus sind, und durch die »höfliche« Hilfestellung mit vorgefertigten Testaments-Formularen krallt. Schon junge Erwachsene, die knapp die juristische Selbstverantwortung erreicht haben, werden offensichtlich zu diesen Testamenten angehalten, wie dies das Testament eines 18jährigen deutschen Numerariers beweist. Es beginnt mit dem Glaubensbekenntnis zur »heiligen, römischen, katholischen und apostolischen Kirche«, bestimmt den Erben, zum Beispiel die »Studentische Kulturgemeinschaft e.V. mit Sitz in Bonn« und den Testamentsvollstrecker (in der Regel Opus-Numerarier!), legt die Anzahl von 30 Seelenmessen fest und endet mit der Bestimmung: »Der Testamentsvollstrecker verfügt über die weitestgehenden Befugnisse.«(47)

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Der folgende Textauszug aus dem geheimen »Vademekum für die örtlichen Räte« macht deutlich, welchen Typ von »Freiwilligkeit« das Opus meint, wenn es in offiziellen Erklärungen auf die Freiwilligkeit der Abgaben von Opus-Mitgliedern hinweist: »Im Fall der Oblatio (die jährliche Erneuerung der vertraglichen Bindung an das Opus; MM) und der Fidelitas (das Versprechen, dem Opus auf Lebenszeit anzugehören; MM) vergewissert sich der Beauftragte (des Opus Dei; MM), daß der Betreffende entschlossen ist, sich auf die in den Statuten festgelegte Weise zu verpflichten; und er wird die Numerarier und Assoziierten daran erinnern, daß sie, falls sie Erbgüter besitzen, als Forderung der Armut und der Selbstentäußerung deren Verwaltung freiwillig abgeben und über deren Gebrauch und Nutznießung zugunsten von ihnen Festzulegenden zu bestimmen haben und daß sie, bevor sie die Fidelitas machen, auch wieder in völliger Freiheit ein Testament über ihre jetzigen und künftigen Erbgüter errichtet haben müssen.« (48)

          Eine Psychologin an einer Beratungsstelle für Sekten und totalitäre Kulte, der ich schilderte, wie das Opus an die Gelder der Mitglieder kommt, verglich das Verfahren mit den Methoden, die neureligiöse Kulte und Gruppierungen mit totalitärer Tendenz zur ökonomischen Ausbeutung ihrer Anhängerschaft benutzen.

          Wie später noch genauer zu zeigen sein wird, dient die persönliche Armutsforderung, die »peinlich genaue Kontrolle seitens der Vorgesetzten« in allen finanziellen Angelegenheiten und das Verbot eines eigenen Kontos nicht nur dem ökonomischen Interesse des Opus, sondern auch dem psychologischen Zweck, das Leben in allen Bereichen total kontrollieren und bestimmen zu können. 'Es geht dabei meines Erachtens um die totale Unterwerfung des Willens, um den Gehorsam in allen Dingen.

          In dem Katalog der Fragen, die alle Opus-Mitglieder im Rahmen der Gewissenserforschung beantworten müssen, steht als Frage 19: »Habe ich aus Schwelgerei, Leichtsinn, Eitelkeit, Bequemlichkeit usw. überflüssige Ausgaben gemacht?« (49) Da hier der Entzug der Verfügungskompetenz über ein privates Konto mit sündhaften Vergehen wie »Schwelgerei« und »Eitelkeit verknüpft wird, ist die psychische Knebelung des Sünders, der Sünderin äußerst einfach. Auf diese Art erzeugt man das Gefühl derer Abhängigkeit, Unfähigkeit und Wertlosigkeit der eigenen Person.

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strahlen. Konsequent hat die Leitungsspitze des Opus bereits zu Lebzeiten Escrivás, verstärkt nach seinem Tod, den Gründer als überpersönliche und überzeitliche Persönlichkeit perfekt inszeniert. Escrivá sah und sieht man im Opus Dei nicht oder kaum in seiner konkreten Menschlichkeit und Geschichtlichkeit, seinen Vorzügen und Schattenseiten, guten und schlechten Eigenschaften, sondern eher wie einen Fetisch. Verräterisch ist, daß Escrivá von den Mitgliedern und Anhängern des Opus in Gebet und Meditation mit dem gleichen Titel und -. er gleichen Anrede wie Gott und Jesus Christus bedacht wird: »Unser Vater im Himmel«, »Der gute Hirt« usw. Die dadurch zwangsläufig entstehende »Verwechslung« ist wohl kaum ein Zufall, sondern die ideologischreligiöse Legitimierung der Führerschaft Escrivás und dessen Nachfolger. Von der »Göttlichkeit« der Gründerfigur Escrivá profitierten sowohl die direkten Nachfolger in der Gesamtleitung des Opus - bis heute ist dies Alvaro del Portillo - als auch das in der klerikalen Hierarchie rangtiefere Führungspersonal.

          Die folgenden Zitate von Escrivá und ranghohen Opus-Mitgliedern dokumentieren den religiösen Wahn und Herrschaftsanspruch, der in der Gleichsetzung von Escrivá und Christus offensichtlich wird, aber in der Identifizierung des »Christusgehorsams« mit dem Gehorsam gegenüber dem Opus Dei-Führer, quasi als hätte Gott selbst befohlen:

          »Christus muß sich in Gestalt des Papstes >beim Gebet filmen lassen<. Auch Escrivá hat sich seit 1972 filmen lassen, aus dem einzigen Grunde, daß Christus ins Licht - und eben auch ins Scheinwerferlicht! - trete und mit ihm die Kirche und ihre Verkündigung« (Escrivá-»Biograph« Peter Berglar) - »Der Priester, wer auch immer, ist stets ein zweiter Christus« (Der Weg, Nr. 66) - »Was not tut, ist viel Gehorsam gegenüber dem Leiter und viel Fügsamkeit gegenüber der Gnade. Denn wenn man die Gnade Gottes und den Rat des Leiters nicht in sich wirken läßt, kann das Profil nicht hervortreten, das Bild Jesu Christi, das der heilige Mensch annimmt« (Der Weg, Nr.56) - »Du sollst dir die bewährte Erkenntnis vor Augen halten, daß der eigene Verstand ein schlechter Ratgeber und ein schlechter Lotse ist, wenn es darum geht, die Seele durch die Böen und Stürme und Klippen des inneren Lebens zu steuern. Deshalb ist der Wille Gottes, daß ein Kundiger die Führung des

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Schiffes übernimmt und uns mit seinem Licht und seinem Wissen in einen sicheren Hafen führt« (Der Weg, Nr. 59) - »Ein Leiter. Du brauchst ihn. Um dich hinzugeben, um dich zu verschenken, im Gehorsam. Ein Leiter, der dein Apostolat kennt und weiß, was Gott will« (Der Weg, Nr.62).

          Weil die Führer und »geistlichen Leiter« des Opus Dei laut Escrivá und der heutigen Führungsclique genau wissen, was Gott will, dürfen ihre Anweisungen und »Vorschläge« nicht diskutiert oder kritisiert werden. Widerstand gegen die Anweisung des »geistlichen Leiters« ist in diesem religiösen Wahnsystem identisch mit Widerspruch gegen den Willen Gottes selbst.Gottes Wille wird im Befehl des geistlichen Führers sichtbar. Weil der Führer an der Stelle Gottes selbst Anweisungen und Befehle gibt, kann er unbedingten Gehorsam fordern. Die folgenden Berichte der ehemaligen Mitglieder des »Werkes Gottes«, Vladimir Felzmann und Klaus Steigleder, belegen glaubhaft, daß die interne Praxis des Typus Dei tatsächlich dem von Escrivá formulierten Konzept religiös-ideologischer Sicherung der Macht des Führungspersonals entspricht. Diese Berichte stimmen mit den Aussagen anderer ehemaliger Mitglieder, mit denen ich längere Gespräche führen konnte, überein.

          »Der Gründer repräsentierte die einzige, absolute Autorität. Er war der einzige Kanal der Kommunikation mit Gott. Als er noch lebte, hieß es: >Der Vater sagt das. Wir sollten immer durch den Geist und das Herz des Vaters gehen. Der Vater hat die Wahrheit und den Weg gegeben, und deshalb sollten wir danach leben.<«-,(52) - »Kritik - an der Vereinigung, an dem, was die Leiter sagen und vorschreiben? Alles, was Escrivá de Balaguer bis in die Einzelheiten hinein bezüglich des Opus Dei festgesetzt hat, hat er von Gott als dessen Willen empfangen. Alles geht auf göttliche Anordnung und den Willen Gottes zurück, dessen treues Werkzeug der Gründer war, heißt es. Kritik am Opus Dei ist daher gleichbedeutend mit Kritik an Gottes Willen und seiner Kirche, die alles als von Gott kommend gutgeheißen und approbiert habe.«(53) Ungehorsam gegenüber dem »geistlichen Leiter« wird mit dem Ungehorsam gegenüber Gott faktisch gleichgesetzt.

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der die geringste Möglichkeit kritischen Geistes einräumt und das Recht respektiert, selbständig zu denken oder Anweisungen der Vorgesetzten zu kritisieren. Vielmehr wurde ich an jene berühmtberüchtigte Aufforderung erinnert, die am Eingang des Ashrams in Poona zu lesen war »Beim Eintreten Schuhe und Verstand ablegen!« Wenngleich Escrivá auf das Ablegen der Schuhe keinen Wert legte. Da heißt es: »Die geistliche Kindschaft fordert die Unterwerfung des Verstandes. Das ist schwerer als die Unterwerfung des Willens.« (58)

          In den folgenden Zitaten Escrivás sind meines Erachtens klassische Formulierungen des Kadaver- und Führergehorsams erkennbar: »Gehorcht, wie ein Werkzeug in der Hand des Künstlers gehorcht, das nicht danach fragt, warum es dies oder jenes tut. Seid überzeugt, daß man euch nie etwas auftragen wird, das nicht gut. ist und nicht zur Ehre Gottes gereicht«(Der Weg, Nr. 617) - »Gehorchen - sicherer Weg. Den Vorgesetzten mit rückhaltlosem Vertrauen gehorchen - Weg der Heiligkeit. Gehorchen in deinem Apostolat - der einzige Weg, denn in einem Werk Gottes muß dies der Geist sein: daß man gehorcht oder geht« (Nr.941) - »Wer bist du, daß du über Entscheidungen deines Leiters urteilst? Siehst du nicht, daß ihm mehr Gesichtspunkte für sein Urteil zur Verfügung stehen als dir, mehr Erfahrung, bessere, einsichtigere und vorurteilslosere Ratgeber, vor allem aber mehr Gnade, spezielle Gnade Standesgnade, welche Licht und mächtigen Beistand Gottes bedeutet?« (Nr. 457) - »Laß die Gelegenheit nicht vorübergehen, dich mit deinem Urteil zu unterwerfen. - Das ist schwer..., aber in den Augen Gottes sehr wohlgefällig!« (Nr.177).

          Gehorsam schuldet man selbst in der »lächerlichen« Einzelheit (Nr.618) und in dem, was »fruchtlos« (Nr.623) erscheint. »Bei der Arbeit im Apostolat gibt es keinen Gehorsam, der geringfügig wäre« (Nr.614).

          Klaus Steigleder schildert seine Erfahrungen zum Gehorsam: »Der Gehorsam im Opus Dei ist gewissermaßen total; ein Mitglied der Vereinigung hat seinen Leitern in allem schnell, genau, vorbehalt- und bedingungslos zu gehorchen.«(59) Die höchste Stufe der Demut und des Gehorsams gegenüber den Opus-Vorgesetzten ist der Gehorsam ohne Zögerns die Freudigkeit des rückhaltlosen Ge-horsams, ja, die Lust der völligen Unterwerfung und vor allem

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immer wieder: die Identifikation des Willens des »geistlichen Führers« mit dem Willen Gottes. Wir werden auf die Mechanismen und die Methodik der Unterwerfung von Menschen in fundamentalistischen Gruppierungen mit eindeutig totalitärer Tendenz noch zu sprechen kommen. In der Sprache des Opus Dei heißt dies die gehorsame Erfüllung des »Lebensplans« und die »Formung«, womit die Ausbildung und Formierung insbesondere der Aspiranten und Aspirantinnen, der Neuberufenen, auf die Ideologie des Opus Dei gemeint ist.

          Die sogenannte Formung schließt die Bereitschaft des einzelnen ein, »sich durchschauen zu lassen«, auch die intimsten Bereiche des eigenen Lebens der sozialen Kontrolle des Vorgesetzten zu öffnen: »Warum diese Scheu, dich selbst zu sehen und dich deinem Leiter so zu zeigen, wie du in Wirklichkeit bist? Du gewinnst eine große Schlacht, wenn du die Angst überwindest, dich durchschauen zu lassen« (Der Weg, Nr. 65) - »Beunruhigt fragst du: >Was dann mit diesem kritischen Geist, der so tief in meinem Wesen steckt...?< Ich kann dich beruhigen. Nimm etwas zu schreiben und lege einfach und vertrauensvoll - und kurz, bitte! - nieder, was dich bedrückt. Gib den Zettel deinem Vorgesetzten und denke nicht mehr daran. Er ist der zuständige Mann, er hat die Standesgnade. Er wird den Zettel aufheben... oder in den Papierkorb werfen. - Da dein kritischer Geist für dich ja keine böswillige Nörgelei ist und du die Kritik in lauterer Absicht übst, bleibt sich das gleich« (Der Weg, Nr.53).

Autoritär-faschistisches Gedankengut

Dem Padre wie auch seinen Stellvertretern und Nachfolgern hat man ehrfürchtigen Gehorsam »bis zur Aufgabe der Vernunft« zu erweisen. »Das einzige Recht der Mitglieder ist die Pflichterfüllung«. In all diesen Zitaten erkenne ich die Forderung nach totaler Unterwerfung und bedingungslosem Gehorsam. Daß dies in der Konsequenz die Ausschaltung des eigenen Denkens und Gewissens zugunsten des absoluten Wahrheitsmonopols der Gruppenideologie bedeutet, wissen wir aus der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Analyse der totalitären Ideologien dieses Jahrhunderts.

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5. KAPITEL

Wenn eine Hand die andere wäscht

Seit 1945 hat sich das Opus Dei zu einer multinationalen Organisation entwickelt, die auf allen Kontinenten tätig ist. In zahlreichen Ländern hat es alle wichtigen Bereiche der Gesellschaft mit Mitgliedern, Anhängern und Sympathisanten infiltriert. Spanien, Irland, Italien und Mexiko sind die Länder, in denen das Opus Dei einen besonders starken kirchlichen und gesellschaftlichen Einfluß ausübt. Obwohl das Opus in seinem Ursprungsland in der Endphase des Franquismus und der darauffolgenden Demokratisierung schwere Rückschläge einstecken mußte, konnte es seine Präsenz in allen Schlüsselbereichen stabilisieren und ausdehnen. Die französisch-belgische Zeitschrift »Golias« hat zur Seligsprechung des Opus-Gründers am 17. Mai 1992 eine Namensliste von über 80 Personen veröffentlicht, die zur Machtelite des Landes zählen und Schlüsselpositionen in den Bereichen Finanzen, Handel, Industrie, Wissenschaft, Medien, Politik und Militär einnehmen.` Es handelt sich bei diesen Männern um Bankdirektoren und -präsidenten, ehemalige Minister, Verleger, Universitätsprofessoren, Generale, Moderatoren und Programmitarbeiter von Fernsehsendern, Abgeordnete des Parlaments, Rechtsanwälte und Psychiater. Allein schon diese Tatsache der weitverzweigten gesellschaftlichen Macht läßt die Behauptung des »Werkes Gottes« als unglaubhaft erscheinen, die Zielsetzung der Prälatur sei »ausschließlich geistlicher (spiritueller) Natur« und »die Förderung einer vollwertigen, persönlichen und frohen Verwirklichung des christlichen Glaubens im normalen Leben« das einzige Ziel des Opus Dei.

          Spanien ist nicht nur das Land mit dem stärksten Einfluß des Opus Dei, dort erhielt das Opus erstmals den Ruf einer »verschworenen Geheimgesellschaft«. Dies mit gutem Grund, wie For-

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logie des Opus Dei werde sich die römisch-katholische Kirche, so die Einschätzung dieses Kirchenmannes, endgültig von der jesuanischen Armutsforderung und der jüdisch-christlichen Forderung nach sozialer Gerechtigkeit verabschieden. Es verwundere ihn nicht, daß parallel zum Vormarsch des Opus Dei im Vatikan unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. die Bekämpfung der »Theologie.und Kirche der Befreiung« forciert worden sei und Rom die Frage 'der Gerechtigkeit und die lateinamerikanische »Option für die Armen und Unterdrückten« immer weniger zur Kenntnis nehmen wolle.

Auf Konfrontationskurs mit der kirchlichen Hierarchie

Während des Bürgerkrieges und in den folgenden zwei Jahrzehnten hatte die Verflechtung von Staat und römisch-katholischer Kirche außerordentliche Ausmaße angenommen. Die kirchliche Hierarchie legitimierte das System Francos ohne nennenswerte Vorbehalte. Die Kirche profitierte und »spielte die Rolle eines ideologischen Instruments des Staates«. (77) Während aber die offizielle Kirche noch als Stütze des Regimes und seiner reaktionären Ideologie galt, wurden an der Basis des Klerus und kirchlicher Organisationen die Kräfte zunehmend stärker, die - gestärkt durch die Aussagen des Il. Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) zu den Menschenrechten - ein sozial-religiöses Engagement der katholischen Kirche für die gesellschaftlich Unterprivilegierten forderten. Die Kirche insgesamt wurde dadurch mehr und mehr ein »bevorzugter Ort einer reformistisch gesinnten Opposition gegenüber dem Regime«. (78) Auch der Vatikan erkannte, daß mit diesem Regime »kein Staat mehr zu machen« war. Er lies frei werdende Bischofsstühle vakant, bei denen der Staat ein Mitspracherecht besaß, und setzte statt dessen Weihbischöfe ein.

          Im September 1971 fand die erste »Gemeinsame Versammlung von Bischöfen und Priestern« statt, die sich eindeutig vom Regime Francos distanzierte und ein zwar zurückhaltendes, aber kirchengeschichtlich seltenes Schuldbekenntnis der Kirche zu ihrer Politik seit dem spanischen Bürgerkrieg sprach: »Wir erkennen demütig an und bitten um Verzeihung, daß wir es nicht rechtzeitig verstanden haben, echte Diener der Wiederversöhnung im Schoß unseres

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durch einen Krieg zwischen Brüdern gespaltenen Volkes zu sein.« (79) Die Versammlung aller Kleriker der spanischen Kirche forderte von der Regierung die Grundrechte der Meinungs-, Versammlungs- und Gewerkschaftsfreiheit, die Rechte ethnischer Minderheiten und die Abschaffung der Folter.

          Das Opus Dei vollzog das drastische Umdenken großer Teile der spanischen Kirche und des Vatikans, mit Papst Paul VI. an der Spitze, gegenüber dem Franquismus nicht mit. Mitglieder und Sympathisanten, wie zum Beispiel der heutige Prälat des Opus, Alvaro del Portillo, attackierten den innerkirchlichen Prozeß. Faktisch übernahm das Opus Dei die ideologische Stützung des Franco-Regimes. Im selbstgerechten Bewußtsein, »makellos« und »heilig« zu sein, war offensichtlich ein Abrücken von der Komplizenschaft mit dem Franquismus und seiner reaktionären Ideologie nicht denkbar, obwohl dieser zunehmend in die Krise geriet und die Regierung Arias Navarro (1974/75) Laureano López Rodó als letzten Opus Dei-Mann entließ.

Das spanische Who's who des Opus Dei


An dem Opus Dei-Modellstaat Spanien ist erneut zu lernen, daß die Mitglieder und die Organisation offensichtlich in Ideologie, Struktur und Strategie »militärischen oder anderen repressiven, rechtsgerichteten Regierungen zu empfehlen [ist], (...) so wie sich Opus Dei auch Franco empfohlen hat«.(80) Opus Dei-Leute sind, so Vladimir Felzmann, »verläßlich, gehorsam, ruhig und diskret«.(81)

          Das Opus Dei weigert sich bis heute, sein Mitgliederverzeichnis in Spanien und anderswo zu veröffentlichen, was ihm den Ruf einer »verschworenen Geheimorganisation«, eines »Geheimordens« eingebracht hat, auch wenn heute Einfluß und Macht nicht mehr geleugnet werden können und spätestens durch die päpstliche Erhebung zur Personalprälatur und Seligsprechung Escriväs öffentlich geworden sind.

          Die eingangs erwähnte Namensliste von Opus-Mitgliedern und engsten Freunden liest sich wie ein Auszug aus dem Who's Who der spanischen Machtelite. Zu ihr gehören im Bereich der Finanzen und des Banksektors die folgenden diskreten und einflußreichen Männer der Politik, Bankdirektoren und Bankpräsidenten: Luis

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ihren Gemeinschaftsinvestitionen im Ausland höchst komplizierte Querverbindungen gegeben habe«.(93) Mit dem spektakulären Bankrott der Banco Ambrosiano geriet erneut auch die Vatikanbank IOR und Erzbischof Paul Marcinkus ins Zwielicht; nicht zuletzt, weil Calvi als einer der »Vertrauensmänner« des Vatikans in Finanzfragen galt.

          Roberto Calvi, der im Juli 1981 von einem italienischen Gericht wegen der illegalen Ausfuhr von 26,4 Millionen Dollar zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden war, aber auf Kaution freikam, wurde nachgesagt, er sei in die Fußstapfen des Mafia-Geldwäschers Sindona getreten und zudem Freund und Zahlmeister der P2. Wie auch immer, Calvi geriet zunehmend in Schwierigkeiten. Er mußte hohe Kredite in Dollar zu einem Zeitpunkt zurückzahlen, als sich der Kursverlust der italienischen Lira gegenüber dem Dollar dramatisch verschlechterte. Bereits 1981 hatte Calvi seine Bankgeschäfte mit lateinamerikanischen Banken mit Hilfe von »Empfehlungsschreiben« des Erzbischofs Marcinkus getätigt, die den Eindruck erwecken mußten, als ob die Vatikanbank die Transaktionen decken würde.

Finanzkreise des Opus Dei

Weil das »Institut für religiöse Werke« (IOR) der größte Minderheitsaktionär der zwei Monate nach dem Tod Calvis endgültig bankrotten Ambrosiano-Gruppe war, machte der italienische Staat die Vatikanbank zwar mit haftbar, mußte aber letztlich auf Regreßansprüche für die Geschädigten verzichten. Die internen, vom Papst eingesetzten Finanzexperten behaupteten, daß der Vatikan »vom streng juristischen Standpunkt nicht haftbar« für die Schulden der Banco Ambrosiano sei. Damit widersprach der Vatikan zwar einer Zahlungspflicht, bot aber dennoch 88 AmbrosianoGläubigern überraschend einen Vergleich an und vereinbarte die iZahlung von ca. 240 Millionen Dollar.

          Bis heute wurde die Frage nicht beantwortet, woher der Vatikan, der regelmäßig über rote Zahlen in seinen Finanzen klagt, das Geld beschaffen konnte. Wiederholt wurden »Finanzkreise des Opus Dei« genannt, die dem Vatikan in dieser akuten Krise finanziell massiv geholfen hätten.(94) Beobachter äußerten wiederholt

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den Verdacht, daß dem Opus Dei dafür ideologische und personelle Gegenleistungen seitens des Vatikans zugesichert wurden. Der kritische Papst-Biograph Juan Arias bietet folgende Erklärung an: »Jemand hat mir versichert, daß jenes Geld das Opus Dei dem Vatikan zur Verfügung stellte, aber unter einer Bedingung: daß der Papst in Hinkunft großzügiger mit ihnen ist, was Bischofsernennungen betrifft, besonders in Lateinamerika, und daß er, wenn möglich, aus einigen Diözesen die Bischöfe entfernt, die dem Werk Escrivä de Balaguers eindeutig nicht gut gesinnt sind, das sind meistens die progressiven. Aber die Nachricht konnte nie bestätigt werden, wenn auch meine Quelle sehr ernstzunehmen und vertrauenswürdig war.« (95)

          Jose Maria Ruiz-Mateos, von dem im folgenden die Rede sein wird, mutmaßte ähnliche Geschäfte »Geld gegen Begünstigungen« des Opus Dei in einem Interview mit der Zeitschrift »L'Espresso«: »Allerdings könnte ich Ihnen mal eine Frage stellen; oder jedenfalls möchte ich Sie mal zum Nachdenken einladen: Kommt es Ihnen nicht komisch vor, daß die so heiß ersehnte Personalprälatur, die dem Opus Dei jahrelang abgelehnt worden ist, vom Vatikan ausgerechnet im Jahre 1982 genehmigt worden ist?... Könnte es sein: vielleicht im Gegenzug zu irgend etwas anderem, zu einer Hilfe?» (96) Selbstverständlich dementierte das Opus Dei derartige Mutmaßungen mit dem stereotypen Hinweis auf die rein übernatürliche und religiöse Selbstbestimmung.

»Octopus Dei«

Der Mann, der diesen Verdacht äußerte, war nicht nur Mitglied des Opus Dei, sondern auch mächtiger Konzernherr des »Octopus Dei«; so jedenfalls wurde die größte Holding Spaniens, die Rumasa, in ihrem Stammland genannt.

          Jose Maria Ruiz-Mateos trat 1963 als Supernumerarier in die »verschworene Geheimgesellschaft« ein. Innerhalb von zwei Jahrzehnten stieg der Rumasa-Konzerngründer vom Sherry-Produzenten (Marke »Dry Sack«) zum Chef eines gigantischen multinationalen Konzerns mit 18 Banken, 1200 Filialen, 600 weiteren. Unternehmen und 60 000 Angestellten auf. Entscheidende Stützen bei dieser atemberaubenden Karriere waren offensichtlich drei

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»gute Freunde«, die ebenfalls Opus-Leute waren und noch sind: Luis Vallis Taberner (Präsident der spanischen Volksbank), Gregorio López Bravo (Minister für Industrie) und Rafael Termes Carreró (Präsident der Konföderation der spanischen Sparkassen).(97) RuizMateos beschäftigte nicht nur zahlreiche Opus-Mitglieder in seinem von Madrid aus geleiteten Firmen-Konglomerat, sondern ließ auch das Opus Dei - nach eigener Auskunft - kräftig mitverdienen.

          Eine der ersten wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen der gerade unter Felipe Gonzäles an die Macht gekommenen spanischen Sozialisten war die Enteignung des Rumasa-Konzerns, um Arbeitsplätze zu retten. Eine Wirtschaftsprüfung hatte eine Unterkapitalisierung bzw. Verschuldung in Höhe von ungefähr zwei Milliarden Dollar festgestellt. Während seiner Untersuchungshaft realisierte Ruiz-Mateos offenbar, daß man ihn seitens des Opus Dei »in einer Art Verschwörung zum Sündenbock auserkoren« hatte, um das Werk in der Öffentlichkeit nicht noch tiefer in die Wirtschaftspleite verstricken zu lassen. Daraufhin ging er in die Offensive und versuchte zu beweisen, daß Opus-Mitglieder und Opus-nahe Institutionen tief in den skandalösen Bankrott verstrickt seien.

          Peter Hertel kommt nach gründlichen Recherchen bei der Schätzung der Geldsummen, die dem Opus Dei bzw. seinen Tarnorganisationen vermutlich zugeflossen sind, zusammenfassend zu dem Schluß: »Zieht man alle Summen in Betracht, die bei diesem Konflikt der armen Opus-Familie zur Sprache gebracht wurden - soweit diese den Konflikt öffentlich ausgetragen hat-, dann kommt man auf mehr als 50 Millionen Dollar. Spanische Zeitungen meinten, es handle sich nur um die Spitze des Eisbergs. In Wirklichkeit seien weit höhere Beträge aus dem Rumasa-Konzern in die Opus-Arbeit geflossen.« (98)

Madrid - London - Zürich - Rom

Ruiz-Mateos behauptete in dem genannten Interview mit »L'Espresso« am 4. Mai 1986, selbst dann noch ca. 1,5 Milliarden Peseten (das sind ca. 25 Millionen Mark) an das »Instituto de Educatión e Investigación« (IEI) als Schenkung gezahlt zu haben, als die Rumasa bereits am Rand des Bankrotts stand. Auf die Äußerung des

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Interviewers, daß es sich bei der IEI offenbar um »eine Einrichtung für Erziehung« handle, sagte er: »Ach, was heißt denn hier Einrichtung für Erziehung! Das IEI ist eines von diesen Instituten, das 1981 vom Opus Dei nur gegründet wurde, um Geld von den Mitgliedern bekommen zu können. López Bravo war nur als Namensgeber dabei. Die Summe ist mir von den Spitzen des Opus Dei in Spanien, nämlich von Alejandro Cantero und Francisco Montuenga, direkt abgefordert worden. Wenn die mich um Geld baten, habe ich es ihnen immer gegeben, aber ich habe nie gewußt, wohin das Geld geht. Sie haben mir nie auch nur eine einzige Quittung gegeben. Schecks, Bargeld, Banktransfers: die Wege, wie man dem Opus Dei Geld geben kann, sind unzählig. Das IEI war nur einer dieser Wege.«

          Im gleichen Interview äußerte er: »Es ist doch eine Tatsache: Heute ist das gesamte ökonomische Potential Spaniens in den Händen von Männern des Opus Dei. Ich kann Ihnen das sagen, ohne Angst haben zu müssen, dementiert zu werden.« (99)

          Die Londoner »Sunday Times«, der Zürcher »Tages-Anzeiger«, die spanischen Zeitungen »EI Pais« und »La Vanguardia« recherchierten nach dem Rumasa-Skandal Verbindungen zur Netherhall Educational Association, zur Zürcher Limmat-Stiftung: Stiftungen, deren Stiftungs- und Aufsichtsräte offensichtlich fest in der Hand von Opus Dei-Leuten sind. (100)

          Verbindungen wurden wiederholt auch zu dem Bankenimperium des Italieners Roberto Calvi gezogen: »jose Mateos, der als der reichste Mann Spaniens gilt, pumpte Millionen in das Opus Dei; ein beträchtlicher Teil dieses Geldes stammte aus illegalen Geschäften, die er zusammen mit Calvi in Spanien und Argentinien getätigt hatte. Der Zahlmeister der P2 Hand in Hand mit dem, Zahlmeister des Opus Dei - könnte es das sein, was die Kirche meint, wenn sie davon spricht, daß die Wege Gottes manchmal rätselhaft seien?« (101)


»Der größte religiöse Wirtschaftskonzern«

Für Nino Lo Bello ist der »Vatikan heute der größte Wirtschaftskonzern der Welt und fest engagiert in zahllosen Unternehmen in den Bereichen Immobilien, Plastik, Elektronik, Stahl, Zement, Tex-

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S. 220:

nur teilweise ausschöpfen kann. Sie ermöglicht mir den Vergleich zwischen den Berichten ehemaliger Mitglieder und den internen bzw. geheimen Dokumenten dieser Organisation.

          Die Existenz von Gruppierungen mit vereinnahmender Tendenz innerhalb der Kirchen, die den einzelnen »im totalitären Würgegriff« zu halten versuchen, ist ein Skandal, der durch kein noch so abstruses Kirchenverständnis zu relativieren oder gar zu rechtfertigen ist.

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2. KAPITEL

Seelenfänger und Menschenjäger

»Wenn jemand nicht den Eifer hat, andere für die Sache zu gewinnen, so hat er kein Herz, das schlägt. Er ist tot. Wir können die Worte der Schrift auf ihn anwenden: >lam foetet, quadriduanus est enim< (Johannes 11,39) - >Er ist bereits am Verwesen (wörtlich: er stinkt), denn er ist schon vier Tage tot.< Diese Seelen, auch wenn sie am Werk teilhatten, wären tot, verfault, iam foetent. Und, so sagt der Vater, Leichen bringen mir nichts. Leichen begrabe ich.«

          Diese Sätze aus der Crónica, der internen Führungszeitschrift des Opus Dei, verpflichten jedes Mitglied des Werkes in starken Tobak-Worten auf die Anwerbung neuer, möglichst junger Anhänger. Die Crónica ist unmittelbar nur den zölibatär lebenden Numerariern zugänglich und wird in den Opus-Zentren streng unter Verschluß gehalten. Das Zitat zeigt einmal mehr die Gründe für derartige Geheimniskrämerei.

          Die Jagd nach neuen Mitgliedern gehört zu den Hauptverpflichtungen aller Opus-Mitglieder. Wer negativ durch zu geringe Anwerbungsanstrengungen auffällt und die Rekrutierungserwartungen neuer Anhänger, die von der Opus-Führungscrew der nationalen Niederlassungen und Zentren, den sogenannten »Örtlichen Räten«, festgelegt werden, nicht erfüllt, wird mit Mißgunst und Mißtrauen bestraft. Der psychische Druck wird forciert, indem der oder dem Betroffenen mangelnder »apostolischer Eifer« für die Ziele des Werkes und damit die Sache Gottes unterstellt wird.

          Unverhohlen artikuliert der zitierte Satz - »Leichen bringen mir nichts« - die religiöse und soziale Verachtung gegenüber denen, die bei ihren »Fischzügen«, der Menschenjagd und dem Seelenfang erfolglos sind. In solchen Sätzen, die dem »ehrwürdigen Die-

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S. 228:

3. KAPITEL

Märtyrerwahn und Elitebewußtsein

»Die Menge tut einem leid. Die Hohen, die Niedrigen, die Mittleren - alle ohne Ideal! - Sie machen den Eindruck, als ob sie nicht wüßten, daß sie eine Seele haben. Sie sind wie ... Rinderherden, Schafherden..., Schweineherden. Jesus, mit der Hilfe Deiner erbarmenden Liebe wollen wir die Rinderherde in eine Legion verwandeln, die Schafherde in ein Heer..., und aus der Schweineherde wollen wir die herausholen, die nicht mehr unrein sein wollen« (Der Weg, Nr.914).

          Nein, es ist keine Frage des sprachlichen Geschmacks, wenn Menschen mit Schaf- und Schweineherden verglichen werden. Die Sätze aus dem Hauptwerk von Monsignore Josemaria Escrivá, dem »ehrwürdigen Diener Gottes«, sindein Ausdruck großer Menschenverachtung. Die Menge ist unwissend und einfältig, fehlgeleitet, unrein und ohne Ideale, »als ob sie nicht wüßten, daß sie eine Seele haben«. Wir aber wollen und werden »die herausholen, die nicht mehr unrein sein wollen«. Wir werden sie herausführen aus ihrer Unwissenheit und Unreinheit. Wir wollen sie retten und glücklich machen: »Du wirst nie ein Führender sein, wenn du die Masse nur als Sprungbrett für eine Karriere betrachtest. Führender Kopf bist du nur dann, wenn du den Ehrgeiz hast, alle Menschen zu retten. Du darfst der Menge nicht die kalte Schulter zeigen. Du mußt den tiefen Wunsch verspüren, sie glücklich zu machen« (Der Weg, Nr. 32).

Führer und Masse

Ein Mitglied des Opus Dei kann kein »Dutzendmensch« sein, er gehört nicht »zum großen Haufen«, denn er ist »zur Führung geboren«, »zum Caudillo« (Der Weg, Nr.16). Er »flattert nicht wie

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eine Henne«, weil er »wie ein Adler aufsteigen« kann (Der Weg, Nr.9). Er hat »Wegweiser und Führender« zu sein, »der die anderen durch sein Beispiel und sein Wort, sein Wissen und seine Ausstrahlungskraft ermutigt, anspornt und mitreißt« (Der Weg, Nr. 19). Er »spürt den Drang zu wissen, zu führen, kühn zu sein« (Der Weg, Nr.24).

          Durchgängig auffallend bei der Lektüre des »Weges« von Escrivá ist der Geist der Selbstgefälligkeit und Überlegenheit, Anmaßung und Eitelkeit, Arroganz und Großmäuligkeit - eine Mischung aus Selbstvergottunp und Unfehlbarkeitsdünkel. Allein die Kategorien von »Führer« und »Masse« sind, eingedenk der faschistischen Ideologie »Führer und Volk«, unerträglich. Wenn Escrivás Führer die Menschen glücklich machen sollen, ist es »häufig nicht mehr weit zur Perversion einer >faschistischen Mystik<, welche Gott im Zueinander von Führer und Masse zu erleben glaubt«. (11)

          Auch den Auserwählten des Opus Dei wird, ähnlich wie den Mitgliedern von Gruppen mit totalitärer Tendenz, das Gefühl vermittelt, etwas Besonderes zu sein, einem Elite-Corps der Menschheit anzugehören. Maria Augustias Moreno, ehemaliges OpusMitglied, berichtete über das Elitebewußtsein: »Aufgrund der Tatasche, von der >Obra< [Bezeichnung für das Opus Dei im spanischen Herkunftsland; MM] zu sein, wird man immer recht haben, wird man die sichere Lehre an diese armen Fehlgeleiteten, Verbildeten, Unwissenden und Einfältigen weitergeben; denn zugleich mit dem Eintritt hat man schon die Bürgschaft, die Unterstützung und die Gewähr der Direktoren, d. h. besonders erlesener Personen - so soll man meinen-, die aufgrund ihrer Verbindung zum Vater [gemeint ist Escrivá; MM] die Gabe der Unfehlbarkeit besitzen. Denn der Vater irrt niemals, und in der >Obra< geschieht alles durch den Vater; >ihr müßt alles durch meinen Kopf und durch mein Herz gehen lassen<, hat Msgr. Escrivá oftmals zu seinen Direktoren gesagt.« (12)

»Generalstab Christi«

Für Escrivá sind die zölibatär lebenden Opus-Mitglieder die Avantgarde überzeugter Gläubiger, der »Generalstab Christi«, während die Ehe für das Fußvolk, »das Heer Christi« ist-.'-' Das

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Opus Dei ist »Operation Gottes«: »ein großer, rettender Eingriff des göttlichen Arztes, der das Corpus Christi Mysticum, den Leib des Herrn, die Kirche, die so sehr geschwächt ist, vom Abfall im Glauben und bisweilen auf Krücken durch die Welt der Moderne (!) humpelt, heilen und buchstäblich wieder >auf die Beine< bringen will. Damit ist aber auch gesagt, dass es gegen den Zeitgeist antritt. « (14)

          Das Werk geht also direkt auf göttlichen Befehl zurück, der Escrivá in grosser Erleuchtung zur Gründend des Werkes offenbart worden ist. Das Opus ist »keine weltliche Gründung und auch keine >kirchliche< Aktivität, sondern eine unmittelbare Stiftung. Göttes in seiner und für seine Kirche« 15 Im Werk herrscht die Überzeugung vor, »zu den wenigen Intakten in der Kirche zu zählen und die Hoffnung und das Werkzeug für die >Rettend der Kirche« darzustellen.

          Als Gemeinschaft fühlt man sich von Gott dazu auserwählt, Kirche und Welt aus der Zerrissenheit und Dunkelheit in eine neue Zeit des Lichtes, der Bekehrend und Heiligung zu führen. Das Obus Dei ist »die nimmermüde Wanderschaft Christi über die Erde hin«.16 »Gott hat mit diesem >Werk< eine neue Seite im Buch der Kirchengeschichte«(17) und damit der Menschheitsgeschichte aufgeschlagen. Monsignore Escrivá will keine Kleinigkeit, sein Trachten gilt »allem Grossen« (Der Weg, Nr. 821); er will einen »mächtigen Bau«. Alles ist »ein gewaltiges Abenteuer« (Nr. 826).

Die Geschichte vom »häßlichen Entlein«

Ebenso wie das Opus Dei von Gott erwählt sein will, ist jedes einzelne Mitglied direkt von Gott berufen. Das Wort aus den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium gilt für das Selbstverständnis der Opus-Leute allemal: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt« (15,16); dass die Erwählung tatsächlich durch die geschickte Hand eines Anwerbers und Seelenfängers erfolgt ist, kann da nachträglich nicht mehr irritieren.

          Psychoanalytiker und Psychotherapeuten stellen fast immer Verletzenden, Missachtenden und Demütigungen im Leben derjenigen fest, die der Berufungsideologie bestimmter religiöser Kulte erliegen. Ein Mangel an Selbstliebe und Selbstwertgefühl, eine nicht

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oder noch nicht stark ausgebildete Ich-Identität macht Menschen besonders verführbar für Gruppierungen mit vereinnahmender Tendenz, die eine Berufunds- und Elite-Mentalität anbieten.

          Zu den psychischen Gründen klerikaler Erwählundsanfälligkeit erkennt Eugen Drewermann, was für die »Elite« des Opus allemal zu gelten scheint: »Der Gemiedene der Spielplätze, das Mauerblümchen der Klassenfeten, die verlachte Unschuld vom Lande, der belächelte >Senator< der Jugendhorden - sie alle sind vom Tag ihres Entschlusses zum Klerikersein an Umgewertete, Umgewandelte, von-heiligem Schauer Umgebene. Die ehedem Verzweifelten sind jetzt die Lieblinge Gottes. Wer sie nicht respektiert, ist selber nicht mehr als ein Gläubiger, als ein Gottloser - ein Bedauernswerter, bei Licht besehen. (...) Was 15, 20 Jahre lang als mickrig, verhuscht, gehemmt und verschüchtert, was als verweigert und vertan erscheinen mochte, das gerade erweist sich jetzt als wahrhaft höhere Berufung, als ein >gleichsam< auserwähltes Sein. Alle Leiden, Kränkungen, Ängste, Sehnsüchte und niemals eingestandene Erwartungen ans Leben erhalten jetzt endlich ihr eigentliches Ziel, sie rücken in die Nähe einer Ahnend von Erfüllung - es ist, wenn auch auf einem Umweg, doch und um so mehr erreichbar, was zunächst so grausam verstellt schien: Liebe und Ansehen, Achteng und Wertschätzend vor Gott und den Menschen.« (18) Es ist die Geschichte Hans Christian Andersens vom »Hässlichen Entlein«.(19)

»Der Krieg ist für uns«

Die Parole heisst: »Vorwärts, los! mit heiliger Unverschämtheit« (Der Weg, Nr. 44); denn »die Gleichheit, so wie man sie heute versteht, ist gleichbedeutend mit Ungerechtigkeit«. Jedem einzelnen befiehlt Escrivá: »Caudillos! ... Stähle deinen Willen, damit Gott dich zum Führer macht. « (10) Da soll offensichtlich der Enthusiasmus und Fanatismus überzeugter Elitesoldaten gezüchtet werden. Unvermeidbar ist hier die Erinnerung an die Losenden »Gott mit uns« der evangelischen und katholischen Kriegspredigt und an die Koppelschlossgravur »Vorwärts im Namen des Herrn!«, mit denen deutsche Soldaten und Kinder in die Massenschlächtereien und Gaskriege des Ersten Weltkrieges getrieben wurden. (21)

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Das Menschenverständnis und die Weltsicht des Josemaria Escrivá scheint pessimistisch und dunkel wie die des Joseph de Maistre zu sein; allerdings auf viel niedrigerem Niveau an intellektueller Schärfe und Sprache formuliert. Für de Maistre war die übergroße Mehrheit aller Menschen, die Gesellschaft, ein unentwirrbares Gefüge aus schwachen, sündigen, hilflosen Menschen, hierhin und dorthin getrieben, getrieben von dunklen Mächten. Er war besessen von »der Boshaftigkeit und Unwürdigkeit der selbstzerstörerischen Dummheit einer sich selbst überlassenen MenschMensch Sein Credo war, nur Leiden könne die Menschen davon abhalten, »in den Abgrund der Anarchie und der Zerstörung aller Werte zu stürzen«. (23) Leistungen in der Menschheitsgeschichte könnten überhaupt nur vollbracht werden »unter der Führung einer Hierarchie weiser, willensstarker Wesen«, »die als Repräsentanten der Kräfte der Geschichte (die für de Maistre fast das fleischgewordene Wort Gottes ist; MM) ihr Leben der Aufgabe widmen, zu organisieren, zu unterdrücken und die gottgegebene Ordnung zu erhalten, und die durch dieses Opfer Gemeinschaft mit der göttlichen Ordnung erlangen«.(24) Das ist der Wahn totalitärer Ideologien!

          Das Gefühl, einer auserwählten, von Gott berufenen Elite anzugehören, die führen und retten soll, ist ein schwerer »Opfergang«, ein »Kriegsdienst«, den man lieben zu lernen hat: »Vergiß mir nicht, daß auch Christus seinen >Kriegsdienst< hat und Leute, die zu seinem Dienst auserwählt sind« (Der Weg, Nr.905) - »Der Krieg. Der Krieg hat ein übernatürliches Ziel, sagst du, das der Welt verborgen ist: der Krieg ist für uns. Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. - Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie ein Mönch seine Bußgeißeln« (Nr.311).

»Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen«

Öffentliche Fragen oder kritischer Widerspruch werden vom_ Opus Dei regelmäßig als Hetze und Verleumdungen disqualifiziert. Trotzdem ist man offensichtlich dringend darauf angewiesen. Der Wiener Kardinal Hans Hermann Groer, der anläßlich der Seligsprechung Escrivás eine glühende Lobeshymne auf das Opus Dei schrieb, faßt im Blick auf »Verdächtigungen verschiedenster

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Art« gegen das »Werk Gottes« den Märtyrerwahn der Opus-Ideologie treffend zusammen, allerdings in großer Zustimmung: »So ist es dem echten Christentum in der Kirche eigentlich immer gegangen, wenn es in lebendigen Menschen >mitten in der Welt< - und doch nicht >von dieser Welt< - gelebt wurde. Was hat der Herr nicht alles seinen Jüngern ganz >nüchtern< verheißen müssen? Was hat er dennoch mit >Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen...< sogar als himmlisch lobenswert in Aussicht gestellt?« (25)

          Wahnhaft sieht man sich offenbar in der direkten Nachfolge der Verfolgungen und Schmähungen Jesu: »Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen« (Johannes 15,20). Gerade in den innerkirchlichen und öffentlichen »Verdächtigungen« und »Verleumdungen«, tatsächlich der Kritik, könne man - so der Märtyrerwahn - die wahrhaft göttliche Berufung, den anstößigen Eifer der Mitglieder erkennen. Die »Verfolgungen« und »Anfeindungen« seien letztlich Prüfungen Gottes für die Glaubensstärke des einzelnen. Jede Kritik an der Geheimhaltungspolitik, den Rekrutierungsmethoden junger Menschen und anderes mehr wird umgedeutet zur Bewährungsprobe für das ganze Werk. Aber all dies könne dem Opus Dei nichts anhaben. Im Gegenteil: Je heftiger und bösartiger die Verleumdungen und Attacken, um so deutlicher strahlt die göttliche Berufung.

»Du bist eine Null!«

Die Mitglieder und Anhänger sind dankbar, zur auserwählten Schar zu gehören. Klaus Steigleder schildert das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Geborgenheit und Wärme in dieser exklusiven Gemeinschaft: »Hier war die Welt in Ordnung, hier wußte man Bescheid, hatte die >reine Lehre< und hatte auf alles eine Antwort. Es verband uns - ausgesprochen wie unausgesprochen - ein Überlegenheitsgefühl..., das Bewußtsein, auf dem rechten Weg zu sein.« (26)

          Aus der Zugehörigkeit zur Gruppe und ihrer Erwählungsideologie beziehen die Mitglieder ihren individuellen Wert, ihre Selbstachtung, ihr Selbstwertgefühl. Ohne die Gruppe sind sie ein Nichts. »Du bist eine Null« ohne die Gemeinschaft der Gruppe. )Du bist ein Niemand ohne die göttliche Berufung, die dich in das

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Opus Dei geführt hat und in dem du dich zu bewähren hast - das hat die zentrale Einsicht des Lebens jeden Mitglieds zu sein. Der psychische Mechanismus ist banal, aber wirkungsvoll. Betrieben wird die Ausrottung des eigenen Willens, Denkens und Fühlens zugunsten des absoluten Wahrheitsmonopols der Gruppe.

Paranoia und Ritterorden der Templer

Vladimir Felzmann vergleicht den elitären Geist der Opus-Ideologie mit der elitären Einstellung der Templer-Ritter, jenem Orden der Templer (Milites oder equites templi), der in der Zeit der Kreuzzüge in Palästina entstand: »Opus Dei ist kein normaler religiöser Orden; es gehört nicht in gleicher Weise zur Hierarchie. Die Templer auch nicht. Sie waren kriegerisch, hingebungsvoll, eifernd, zölibatär, männlich. Aber im Zuge der Unbeweglichkeit, die mit solcher Haltung einhergeht, wurden sie mehr und mehr in materielle Dinge verwickelt. Die Templer wurden schließlich äußerst reich, obwohl sie Armut leben wollten. Es war (...) eine hingebungsvolle Kraft, die sich (...) in eine sehr starke politische und wirtschaftliche Macht umwandelte.«

          Im Opus Dei herrsche »derselbe elitäre Geist« wie bei den Templern. »Das kommt, denke ich, wie alles Kriegerische aus einem Gefühl von Korpsgeist und aus einem Feindbild. Wenn man Korpsgeist und einen Feind hat, dann tendiert man nach und nach, wenn man lange genug in dieser Atmosphäre lebt, zur Paranoia, die darin besteht, daß man von der eigenen Größe träumt: du bist der Überlegene, der Beste, du bist einzig, und gleichzeitig hast du einen Feind. Deshalb wirst du von einem Feind verfolgt, und deshalb gibt es den Argwohn.« (27) Den Opus-Kritikern werden deshalb Neid, Bosheit, Heimtücke, Verleumdung, Hetze und Rufmord unterstellt.

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4. KAPITEL

Zwang zum kindischen Glauben

Einleitend zum Hauptbuch des Opus Dei-Gründers Josemaria Escrivá, »Der Weg«, diesem »intimen Erbauungsbuch« und »Seelenführer«, heißt es: »Lies diese Gedanken in Ruhe. (...) In diesen vertraulichen Gesprächen ist Gott zugegen. Ich habe dir nichts Neues zu sagen. Erinnerungen möchte ich wachrufen in dir und Gedanken wecken, die dich treffen, damit dein Leben anders wird und du Wege des Gebetes und der Liebe aufnimmst und am Ende ein Mensch bist, der klarsieht.«(28) Unter den Titeln »Geistliche Kindschaft« und »Leben der Kindschaft« sind über fünfzig Maximen versammelt, die ich auszugsweise zitiere.:

          »Sei klein, sehr klein. - Sei nicht älter als zwei, höchstens drei Jahre. - Größere Kinder sind schon Spitzbuben, die ihre Eltern mit den unwahrscheinlichsten Lügen täuschen wollen. Sie haben schon die Bosheit, den Keim der Sünde« (Nr. 868).

          »Suche nicht, ein Erwachsener zu sein. - Kind, immer Kind, auch wenn du vor Alter umfällst. - Wenn ein Kind stolpert und hinfällt, so wundert das niemanden: sein Vater wird sich beeilen, es wieder aufzuheben« (Nr. 870).

          »Daß euer Gebet männlich sei! - Kind sein heißt nicht, weibisch sein« (Nr.888).

          »Die geistliche Kindschaft fordert die Unterwerfung des Verstantes. Das ist schwerer als die Unterwerfung des Willens« (Nr. 856).

          »Du dummes Kind: an dem Tag, da du deinem geistlichen Leiter etwas über deine Seele verbirgst, hörst du auf, ein Kind zu sein, denn du hast dein einfaches Wesen verloren« (Nr. 862).

          »Ein schwaches Kind hält sich, wenn es klug ist, dicht an seinen Vater« (Nr.880).

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S. 244:

5. KAPITEL
Die Methodik der Unterwerfung

»Es scheint, (...) daß alle Sünden auf den ersten müßigen Augenblick warten. Der Müßiggang selbst müsse schon eine Sünde sein. Wer sich der Arbeit für Christus verschrieben hat, darf keinen freien Augenblick haben« (Der Weg, Nr. 357).

          Ein dickes Pflichtenheft, strenger Tagesplan und hohes Arbeitspensum halten jedes Mitglied des Opus Dei unter ständigem Druck. »Müßiggang ist aller Laster Anfang«, sagt das Sprichwort. Im Opus Dei ist Müßiggang verboten. »Müßiggang ist etwas Unbegreifliches«, betonte Escrivá (Der Weg, Nr.358), er wird gleichgesetzt mit »Nachlässigkeit, Schlamperei und Faulenzerei«, »Feigheit und Bequemlichkeit«. Für private, individuelle Bedürfnisse ist keine Zeit, kein Platz mehr.

          Jedes Mitglied, das sich dem Opus Dei verschrieben hat, muß zu festgelegten Tageszeiten die »Normen des Lebens« und die »Frommen Gewohnheiten«, den sogenannten »Lebensplan«, akribisch einhalten und ausführen. »Die Berufung des Opus Dei setzt ein Leben des Opfers und großmütiger, freudiger, intensiver Arbeit voraus. «34 Gefordert werden totaler Einsatz und beste Leistungen.

Der Lebensplan: Ständige Überbelastung und Müdigkeit

Für die Mehrheit der Mitgliederbedeutet dies permanente Überforderung und Überlastung, die in der Konsequenz zu Schlaflosigkeit, Überarbeitung und Müdigkeit führen. Psychische Schwierigkeiten und psychosomatische Krankheitsbilder sind fast unvermeidbar. Systematisch werden dadurch Individualität, Autonomie und Kri-

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tikfähigkeit zerstört. Der Wille des einzelnen ist total dem Willen der Gruppe, das heißt der Lebensplan-Ideologie, unterzuordnen. Erst dann ist die »Formung« erfolgreich.

Jede Gruppierung mit totalitärer Tendenz erzwingt bei ihren Mitgliedern die totale Unterwerfung unter das feste Regelwerk der Gruppe. Individualität ist schlecht, Konformität ist gut. Psychische Schwierigkeiten beschleunigen den Prozeß der Unterwerfung, weil dem einzelnen damit individuelles Versagen und persönliche Schuld vorgeworfen werden können.

          Die »Normen des Lebens« bedeuten laut den internen »Caeremoniale« und den »Frommen Gewohnheiten« (35)

          Täglich: am frühen Morgen, »die Stirn in den Staub gebeugt«, Sprechen des Satzes »Serviam« (»Ich will dienen«), Aufopferung der Arbeit, mehrmals ein halbstündiges Gebet, Besuch der Eucharistiefeier mit Kommunionempfang, Lesung des heiligen Evangeliums und eines geistlichen Buches (zum Beispiel Escrivás »Der Weg«), mindestens zweistündiges Tragen des Bußgürtels, Sprechen des opus-internen Gebetes, der »Preces«, Gebet des Heiligen Rosenkranzes, dreimalige Gewissenserforschung, Sprechen dreier »Ave Marias«, der »Ave Puritatis« (der Reinheit).

          Wöchentlich: Sakrament der Beichte, »Wachetag« (»an diesem Tag bemüht er sich mit größter seelischer Anstrengung, in besonderer Rechenschaft, den Geist, die Gewohnheiten und Normen zu leben«), Benutzung der Geißel, besondere körperliche Abtötung, dabei Rezitieren des »Salve Regina« beziehungsweise des »Regina Coeli«.

          Monatlich: »Retiro mensual« (Einkehrtag), an dem Vorträge gehört werden sowie Meditationen stattfinden und gottesdienstliche Handlungen eingeübt werden.

          Um »die feinfühlige und beständige Erfüllung des geistlichen Lebensplans«(36) zu gewährleisten, »erhalten die Werksmitglieder die geeignete geistliche kollektive Leitung (Jahreskurse, Exerzitien, Kreise, Meditationsübungen, monatliche Einkehrtage und spezifische Kurse = convivencias especiales usw.) und eine persönliche Seelenführung (Periodische Aussprache, Brüderliche Zurechtweisung, Sakramentale Beichte). Diese Bildungsmittel stellen für alle ein Recht und eine Pflicht dar«, heißt es im »Vademekum der örtlichen Räte«.

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Die Mitglieder werden »zu einer vollen und ganzen Hingabe an die Ziele der Prälatur« verpflichtet: »Die Mitglieder des Werkes haben gründlich zu bedenken, daß sie, stets vor Gott, ein festes, beständiges Engagement mit einem sehr bestimmten theologischen, moralischen und aszetischen Inhalt eingehen, das die Rechtskraft und Verbindlichkeit einer Hingabe aus Berufung besitzt. Darin verpflichten sie sich mit der christlichen Treue und Redlichkeit, die man einem spezifischen, von Gott erhaltenen Ruf schuldet.« (37)

          Klaus Steigleder betont: »Die >Normen< haben für die Mitglieder das Wichtigste im Laufe ihres Tages zu sein, nichts darf sie verdrängen oder ersetzen, ausgenommen - so wird gesagt - die Pflicht, einem anderen in Lebensgefahr beizustehen.« (38)

          Pflichtverletzungen sind Sünde: »Eine dieser Pflichten in einer schwerwiegenden Materie zu verletzen - das heißt in etwas, was sich auf einen wesentlichen Aspekt der Verpflichtungen bezieht, so wie die Statuten ihn festlegen - wäre somit eine schwere Sünde gegen die Tugend der Treue«. - »Indem sie sich an all das erinnern, werden die Mitglieder des Werkes bereit sein, ihrem Engagement aus Liebe jeden Tag treuer zu sein, und sie werden sich - ohne Skrupel - vor jedem Anzeichen eines Nachlassens im persönlichen Kampf hüten. Deswegen hat die Gewissensforschung.- die tägliche, die wöchentliche im Kreis, die an Einkehrtagen - streng zu sein; sie darf sich über keinen Punkt der Selbsthingabe hinwegsetzen.« (39)

          Das überrissene Pflichtpensum und die damit verbundene Erschöpfung verhindern in der Tendenz jede Selbstwahrnehmung. Die Luft zum eigenen Denken und Fühlen, Sprechen und Handeln, jenseits des minutiös normierten und reglementierten Alltags, wird zunehmend dünner. Der »Lebensplan«, der die Wirkung einer Zwangsjacke hat, macht den Gedanken an und Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben fast unmöglich.

Der Terror der Fragen

Elias Canetti hat in seiner weitläufigen und konzentrierten Studie »Masse und Macht« die Funktionen und die Macht des Fragens beschrieben, die sich um ein Vielfaches in autoritären Herrschaftsbeziehungen, in Beziehungen zwischen einem Ranghöheren zu ei

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nem Rangniederen, multiplizieren: »Alles Fragen ist ein Eindringen. Wo es als Mittel der Macht geübt wird, schneidet es wie ein besser in den Leib des Gefragten. (...) Mit der Sicherheit eines Chirurgen geht man auf die inneren Organe los. Der Chirurg hält sein Opfer am Leben, um Genaueres über es zu erfahren. Er ist eine besondere Art von Chirurg, der bewußt mit lokaler Schmerzerregung arbeitet. Er reizt gewisse Partien des Opfers, um über andere Sicheres zu erfahren.« (40)

Der Fragende gewinnt durch stetiges Fragen an Macht. »Der Antwortende unterwirft sich um so mehr, je häufiger er den Fragen nachgibt.«(41) Er anerkennt damit die Autorität und Macht des Fragenden. Die Frage ist letzten Endes »auf Zerlegung« aus.: »Was sie herausholt, wird beiseite gelegt zu späterer Verwendung.« (42) Der Fragende erzwingt durch ständiges Fragen nicht nur immer mehr Informationen über den Befragten, er festigt auch seine höhere Rangstufe. Er dringt tiefer und tiefer in die intimsten Bereiche und Schutzzonen vor. Der Befragte gibt mehr und mehr sein Innerstes preis. Immer geringer ist seine Chance, sich über seine eigenen Gedanken und Gefühle klar zu werden. Er lebt in der ständigen Bereitschaft, auf Fragen zu reagieren. Ständig erwartet er Interventionen seitens des Fragenden, der mit der Zeit große Mengen an Wissen über seine Persönlichkeit angesammelt hat. Ein Wissen über Gefühle, Gedanken, Phantasien, Träume, Schwächen Fehler, Hoffnungen und Sehnsüchte, die der Befragte durch viele Antworten preisgegeben hat, ohne daß er sich in der Regel vollumfänglich daran erinnert, weil er ständig unter dem Druck des Antwortgebens gestanden hat.

          »Die Freiheit der Person liegt zum guten Teil in einem Schutz vor Fragen« (43), sagt Elias Canetti. Das Opus-Dei-Mitglied ist-permanenten Fragen ausgesetzt, auf die es antworten muß. Ständig wird Rechenschaft von ihm über die Erfüllung seines Lebensplans verlangt. Er ist einem fast hermetisch geschlossenen System des Fragens ausgeliefert. Selbst die demütige Annahme einer Weisung, eines Befehls vom Vorgesetzten, kann zur momentanen Schutz- und Schonzeit vor den unablässigen Fragen werden.

          Einmal wöchentlich findet, getrennt für Frauen und Männer, Numerarierlnnen und Assoziierte, der sogenannte »Kreis« (Circulus Brevis) statt. Der Ablauf dieser geschlossenen Sitzung zur »For

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mung« der zölibatären Mitglieder folgt einem festgelegten Ablauf von Gebeten (in lateinischer Sprache: Confiteor, Misereatur, Avinculus, Preces und andere), Lesungen aus der Bibel, Kommentaren zu einzelnen Normen und frommen Gewohnheiten, Gesprächen über Angelegenheiten des Opus Dei. Der wichtigste Teil des Kreises ist die Gewissenserforschung, zu der 26 Fragen anleiten sollen. Es ist eine Liste von Kontrollfragen, die das Mitglied zur Rechenschaft über die genaue Einhaltung der Pflichten, Normen und Gewohnheiten des Opus zwingt:

          »2. Habe ich mich in der Gegenwart Gottes geübt und an den einzelnen Tagen öfters an meine Gotteskindschaft gedacht?

          5 Bin ich in der heiligen Messe täglich des Opus Dei und meiner Brüder, vor allem aber der Direktoren eingedenk gewesen?

          7. Habe ich die gewohnten Abtötungen unterlassen? B. Bestrebe ich mich, mir Bußgeist anzueignen?

          11. Habe ich in dem von den Direktoren mir übergebenen Apostolat dem Opfergeist nachgelebt?

          12. War ich in dem, was das geistliche Leben und das Apostolat betrifft, gegenüber meinen Direktoren gefügig?

          15. War ich beim Erteilen oder beim Hinnehmen der Brüderliche Zurechtweisung, sooft diese nötig war, insbesondere der Normen der Liebe und der Klugheit eingedenk?

          16. Beweise ich durch Taten meinen Eifer, für das Opus Dei neue Mitglieder zu gewinnen?

          17. Bin ich mir bewußt, wegen meiner Gleichgültigkeit, Unklugheit, Laschheit oder Lässigkeit bei der Verrichtung meiner religiösen, gesellschaftlichen oder beruflichen Pflichten dem Opus Dei Schaden zugefügt zu haben?

          19. Habe ich aus Schwelgerei, Leichtsinn, Eitelkeit, Bequemlichkeit usw. überflüssige Ausgaben gemacht?

          20. War ich gegenüber meinen Direktoren stets tief ehrlich, indem ich persönliche Spontaneität und Verantwortung geschickt miteinander verband und in Demut unterwürfig und von Herzen die Vorschriften in bezug auf das geistliche Leben und das Apostolat auf mich nahm?

          23.Arbeite ich, wenn ich arbeiten soll (heute, jetzt), oder täusche ich mich durch Aufschübe, welche Unterlassungen gleichkommen?

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          24. Suche ich in meinem áußeren Aussehen alles zu meiden, was affektiert, seltsam, befremdlich ist und zu meinem Amt und meiner Aufgabe nicht paßt?

          25 Ließ ich mich von Traurigkeit beherrschen, und vergaß, daß sie mit dem Feind meiner Seele im Bunde steht?

          26. Arbeite ich immer mit der Freude dessen, der weiß, daß er Gottes Kind ist?« (44)

Die Selbstverleugnung

Die Liste der Fragen zur Gewissenserforschung ließe sich zugespitzt in einer einzigen kurzen Frage zusammenfassen: »Habe ich mich bedingungslos unterworfen?« Mit dem persönlichen Gewissen des befragten Mitglieds hat diese Frageliste zur »Gewissenserforschung« wohl nichts zu tun. Da wird kein Gewissen gebildet, sondern versucht, eine Kleinkinder-Moral zu züchten. Jede Frage zielt im Kern auf die Kontrolle des Gehorsams, der Unterwerfung, der Leistung.

Die Fragen lehren allein, das eigene Selbst, das eigene Leben zu verleugnen. Das Erlebte, Gefühlte, Getane oder Unterlassene wird in ein dürres Raster von Gehorsamsfragen gepreßt. Gegenüber eigenen Gefühlen wie Traurigkeit, Unlust, Freudlosigkeit ist zuerst und zuletzt Mißtrauen angebracht. Solche Gefühle sind eine Gefahr, weil sie im Bunde mit dem Teufel, der Versuchung, dem Schlechten stehen und der Anfang vom Ende sind (Frage 25 und 26). Ex-Mitglieder berichten, daß die Diffamierung von Gefühlen wie Traurigkeit, Freudlosigkeit, Einsamkeit, die sich bis zu eindeutig depressiven Krankheitsbildern steigern können, zu einer ständigen Verstellung vor den anderen führe. Es entstehe eine Atmosphäre der gespielten Freude, der Lüge, Heuchelei und Unwahrhaftigkeit. »Fröhlichkeit vorzutäuschen' und immer im Kämmerlein zu weinen, das war eine meiner größten Qualen im Opus Dei«(45), erzählt eine Numerarierin, die das Opus nach Jahrzehnten der Selbstverleugnung verließ.

          Der Fragenkatalog ist ein Lehrbuch zur Selbstsabotage zum prinzipiellen Selbstmißtrauen, zur Selbstverleugnung. Die Fragen zielen nicht darauf ab, die Fähigkeit zur ethischen Unterscheidung und Entscheidung auszubilden, sondern darauf, das starre

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stöße oder traurig-depressiver Gefühle. Die Selbstanklage und -demütigung ist typisches Kennzeichen aller Gruppierungen mit totalitärer Tendenz und fundamentalistischer Weltsicht.

          Das Opus Dei hat wiederholt erklärt, jedes Mitglied könne bei jedem Priester der katholischen Kirche beichten.(50) Dies ist zwar formal richtig, tatsächlich aber werden Priester, die nicht OpusMitglieder sind, als ungeeignet und »nicht gute Hirten« abqualifiziert. In den sogenannten opus-internen »Cuadernos~« heißt es: »Leute, die das Opus Dei nicht kennen, sind nicht geeignet, der Hirt meiner Schafe zu sein« - »Und könnten nicht andere Hirten hingehen, um nach meinen Schafen zu suchen und sie gut zu weiden? Nein. Der Herr sagt es ganz entschieden: (...) >Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber< (Joh. 10,1). (...) Diejenigen, die nicht eine von den Direktoren erteilte Sendung haben, sind nicht gute Hirten, auch wenn sie Wunder wirken.« (51) Das Mitglied soll hermetisch vor jeder Möglichkeit eines Gesprächs, einer Beichte mit einem Nicht-Opus-Mitglied abgeschirmt werden.

Nur wer sich an einen Opus-Priester wende, könne geheilt und gerettet werden: »je besser der Beichtvater den Pönitenten kennt, desto wirksamer wird die Beichte sein« - »Was tut ein Kranker, der geheilt werden will? Er geht zu einem bestimmten Arzt, der ihn kennt (...) Und falls der Patient nicht ein Narr ist, wird er sich beeilen, dem Arzt sämtliche Symptome, sämtliche Umstände zu nennen, selbst die geringsten, die seines Erachtens Krankheitszeichen sind.« (52) Nur wir können dich retten und heilen das ist die ständig suggerierte Botschaft Das Mitglied soll in völliger Abhängigkeit zur eigenen »Familie« gehalten werden. Nur so ist die Kontrolle durch die Vorgesetzten über einen längeren Zeitraum hinweg durchzusetzen.

          Als unumstößlicher Vorsatz gilt: »Die schmutzige Wäsche ist zu Hause zu waschen. Das erste Anzeichen dafür, daß ihr euch hingebt, besteht darin, daß ihr nicht die Feigheit habt, die schmutzige Wäsche außerhalb des Werks waschen zu gehen. Falls ihr wirklich heilig sein wollt; wenn nicht, seid ihr überflüssig.« (53) Völlige Auslieferung an das Opus oder Verlassen des Weges zur Heilligung: »Es ist Feigheit, eine Art Niederträchtigkeit, die sich in die Seele, die nicht demütig ist, einnistet und veranlassen kann, daß

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man diese Lehre nicht gut versteht und ihr vielleicht nicht nachlebt.«

          Ehemalige Mitglieder haben die häufige Beichtpraxis als ständige Selbstbeschuldigung erlebt. Die Beichte setze die alltägliche Maßregelung fort. Faktisch wird das Institut der Beichte zu einem hervorragenden Herrschaftsinstrument. Selbst die intimsten und geheimsten Fehler werden an die Vergebungsbereitschaft der »Seelenführer« und der Gruppe gebunden. Das »Sakrament der Buße« wird pervertiert zum Systemelement verinnerlichter Außenlenkung. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer »Sekte zu zweit«.

          Nicht unerwähnt bleiben soll die Praxis der »Brüderlichen Zurechtweisung«, die meines Erachtens faktisch nichts anderes als die Aufforderung zur gegenseitigen Bespitzelung und Denunziation eines »Fehlverhaltens« beim Direktor bedeutet. Sie tragt »zu einem permanenten Kontrolliertsein der Mitglieder des Opus Dei und einer sofortigen Ahndung kleinster Abweichungen bei«. (55)

Kontrolle und Zensur

Mitglieder des Opus Dei werden auch in ihrer Freizügigkeit bzw. Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt. Wer zum Beispiel nach dem Abendessen das Wohnhaus verlassen will, hat dies der Leitung mitzuteilen, zu begründen und um Erlaubnis zu bitten.

          Die Opus-Leitung entscheidet zudem, welche Belletristik und Fachliteratur gelesen werden darf, welche Radio- und Fernsehsendungen gehört und gesehen werden dürfen. Die Führung läßt sich dabei offensichtlich von dem Satz Escrivás leiten: »Du solltest Bücher nicht ohne den Rat kluger und erfahrener Christen anschaffen. Man kauft so leicht etwas Nutzloses oder Schädliches ein. Oft glauben Menschen, sie trügen unter dem Arm ein Buch. Doch sie tragen eine Ladung Schmutz« (Der Weg, Nr.339).

          Vladimir Felzmann schildert, was die Zensur der fachwissenschaftlichen Literatur faktisch bedeutet: »Doktortitel werden an Leute verliehen, die nur die orthodoxen, genehmigten Bücher gelesen haben. Im Opus Dei gibt es einen Index der strikt und vielleicht sogar strikter ist als der ursprüngliche Index [vom Vatikan geführt, offiziell eingestellt; MM]. So ist es möglich, Doktor zu wer-

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den in Philosophie und Theologie, ohne daß man die sozusagen bösen, schlechten Autoren gelesen hat, die man an der [nicht opuseigenen; MM] Universität nicht umgehen könnte. (...) Es ist also, im Opus Dei möglich, einen Doktor zu bekommen, der so etwas wie Kosmetik ist.« (56)

          Die Zensur beschränkt sich aber nicht nur auf Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, sondern nach Auskunft ehemaliger Mitglieder auch auf persönliche Briefe und Mitteilungen. Die soziale Kontrolle ist total. Kein Intimbereich ist vor dem Zugriff der Opus? Leitung sicher: »Kontrolliert werden die Mitglieder eines >Zentrums< des Opus Dei zudem in ihrer Post. Alles, was die Mitglieder eines >Zentrums< zugeschickt erhalten, wird zunächst vom Leiter des Hauses durchgesehen und gelesen und dann erst an die jeweiligen Empfänger verteilt. (...) Umgekehrt müssen die Numerarier alle Post, die sie geschrieben haben, vor dem Verschicken dem Leiter zum Lesen geben.« (57)

Psychosomatische Krankheitsbilder, Depressionen, Suizidgefährdung

Unvermeidbare Folge der ständigen Repressionen, der Diffamierung der Gefühle, der Ghettoisierung und Vereinsamung der Opus-Mitglieder sind psychosomatische Krankheitsbilder aller Art, Schlaflosigkeit, Alpträume, Ängste und Depressionen. »Das Leben, ich selbst, war mir verhaßt. Ich sehnte mich nach Ruhe vor der ständigen Fragerei und Kontrolle. Ja, ich sehnte mich nach dem Tod«, erzählte mir mit leiser, stotternder Stimme eine Ex-Numerarierin.

          Vladimir Felzmann berichtet über zahlreiche psychosomatische Krankheitsbilder: »Unter den zölibatären Mitgliedern des Opus Dei hat eine erschreckend große Anzahl Verdauungsprobleme, psychosomatische Probleme, Kopfschmerzen, Migräne, Rückenschmerzen usw.« (58)

          Die Opus-Führung ist sich der psychischen Schwierigkeiten, die das Opus-System »produziert«, durchaus bewußt. Im genannten geheimen Vademekum heißt es dazu: »Die Direktoren haben psychischen Schwierigkeiten vorzubeugen - es geht keineswegs darum, Psychiatrie zu treiben-, die infolge Überarbeitung, wegen

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des Alters oder wegen Krankheit in einigen Fällen auftreten können. Wenn diese Schwierigkeiten vorliegen, sind sie im allgemeinen nicht Folge einer Geistesstörung oder Nervenkrankheit, sondern sie pflegen auf die Ermüdung, auf die innere Spannung zurückzugehen, die ein Leben intensiver Arbeit mit sich bringt.« (59)

          In jedem Fall ist im Fall psychischer Krankheitsbilder oberste Verhaltensmaxime, koste es, was es wolle, daß »die schmutzige Wäsche« in der »Familie« bleibt. Der Direktor hat sich bei akuten Fällen an professionelle Opus-Psychiater zu wenden: »In Fällen von Depressionen und Erschöpfungszuständen wird man sich an einen erfahrenen und klugen Arzt wenden - um so besser, wenn er ein Mitglied des Opus Dei ist.« (60) Aber auch in dieser Situation wird Erbarmungslosigkeit empfohlen. Der Arzt oder Psychiater solle nicht auf den »Ermüdungstendenzen insistieren« - »denn gelegentlich dient das dem Kranken unbewußt als Vorwand, sich nicht helfen zu lassen oder sich zum eigenen Arzt zu machen«.(61) Auch durch Krankheit soll offensichtlich niemand dem Opus-System entfliehen.

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S. 258:

Ohren ehemaliger Opus-Frauen wie Hohn und Spott klingen. Sie haben an Leib und Seele erfahren, was es heißt, im Opus Dei zu sein. Aufgrund der Lektüre 1992 erstmals veröffentlichter interner Dokumente und den Berichten ehemaliger Mitglieder spreche ich im Zusammenhang mit der strikten Geschlechtertrennung und der Stellung der Frau im Opus Dei von »Apartheid«.

Die Architektur der Apartheid:
getrennte Treppenhäuser, verschlossene Türen

Mit »Verwaltung« ist im Opus Dei dreierlei gemeint: erstens der Wohnbezirk der Frauenabteilung, die 1930 gegründet worden ist, zweitens die Personengruppe der Bewohnerinnen, drittens die hauswirtschaftlichen Arbeiten, die die zölibatären Frauen in der »Residenz« der Männer für diese versehen (Raumpflege, Wäsche, Kochen, Pfortendienst usw.). In den »Regulae internae pro Administrationibus«, den »internen Regeln für die Verwaltung« aus dem Jahr 1985, ist in nicht weniger als 73 Punkten detailliert festgelegt, wie die Begegnung von Frauen und Männern zu verhindern und nahezu auszuschließen ist. Die folgenden Auszüge erklären auch unmißverständlich die Architektur der Opus-Niederlassung an der Restelbergstraße in Zürich:

          »8. Die Verwaltung und die verwaltete Residenz sind so vollständig voneinander unabhängig, daß sie so leben, als ob sie mehrere Kilometer voneinander entfernt wären. Zwischen den Personen in einem Hause und denen im anderen Hause gibt es keine Beziehung irgendwelcher Art. (...)

          11. Der Eingang der Residenz ist stets vom Eingang der Verwaltung verschieden; soweit möglich, soll man sogar dafür sorgen, daß jeder Eingang sich an einer anderen Straße befindet, so daß die Personen, die in den beiden Häusern leben, absolut unabhängig eintreten und hinausgehen können. Es ist stets zu vermeiden, daß man von der Verwaltung aus die Residenz und von der Residenz aus die Verwaltung sehen kann. (...)

          13. Diejenigen, die in der Residenz leben, haben mit den Personen der Verwaltung nichts zu tun und wissen auch deren Namen nicht. Sie sehen sie auch nie, mit Ausnahme derer, die bei Tisch bedienen. (...)

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          15. Diejenigen, die in der Residenz wohnen, begeben sich nie in die Zone der Verwaltung.

          18. Die Verbindungstüre zwischen den beiden Häusern hat zwei verschiedene Schlösser, je eines auf jeder Seite der Türe; besser ist es, wenn eine Doppeltüre da ist mit je einem verschiedenen Schloß. Der Direktor verwahrt einen Schlüssel und die Direktorin einen weiteren, davon verschiedenen.« (67)

Die besten Frauen sind jene, die Mann nicht sieht

»Die perfekte Verwaltung sieht und hört man nicht« (68) heißt es in den internen Regeln. Das meint: Die besten Opus-Frauen sind die, die man nicht sieht. Sie »achten darauf, daß man nicht mit lauter Stimme spricht«, sie bedienen am Tisch der ehrenwerten Herren »in strengem Stillschweigen«. Sie diskutieren nicht, sondern korrigieren ihr »Fehlverhalten«: »Wenn der Direktor [der Residenz; MM] telefonisch irgendeine Bemerkung macht oder einen Hinweis gibt, bringt die Direktorin [der Verwaltung; MM] nicht Entschuldigungen oder Erklärungen vor. Sie trifft die geeignete Maßnahme« und »erteilt die angebrachten Mahnungen oder Rügen direkt oder durch andere Numerarierinnen«. Anweisungen nehmen Opus-Frauen schweigend und demütig entgegen: »Falls der Direktor irgendeinen Hinweis gibt, hören sie ihn sich bloß an, ohne zu sprechen.«(69)

Putzen, Waschen, Kochen und die heilige Messe

Was Aristoteles, der das Weibliche biologisch als unvollkommene Ausbildung des Männlichen abwertete, in der »Politeia« über die Leitungsfähigkeit der Frauen sagte, gilt offensichtlich ohne jede Einschränkung bis heute im Opus Dei: »Das Männliche ist von Natur aus zur Leitung mehr geeignet.« - »Das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen ist von Natur aus so, daß das eine besser, das andere geringer ist, und das eine regiert und das andere regiert wird.« (70)

          Die Frauen sollen sich nicht bilden, sondern gehorsam sein und _ihre Pflicht tun. Zu ihren exklusiven Aufgaben gehören Putzen, Waschen, Kochen, Pforten- und Telefondienst, manuelle, haus-

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wirtschaftliche Pflichten. Damit die alte Kult-Vorherrschaft des klerikalen und zölibatären Opus-Mannes grundsätzlich ungefährdet ist, beginnt die Reinigung der Residenz »für gewöhnlich dann, wenn deren Bewohner zur Betrachtung und zur heiligen Messe im Oratorium weilen«.(71) Außerdem gilt die Anweisung: »Die Reinigung wird so organisiert, daß die Bewohner der Residenz, wenn sie aus dem Oratorium kommen oder das Frühstück beendigt haben, sich in einen Teil der Residenz - Aufenthaltsraum, Vorhalle, Bibliothek usw. - begeben können, während die Verwaltung absolut unabhängig davon die Reinigung in anderen Zonen vornimmt.« (72)

          Wie anders, denn als sexistischen Patriarchalismus, kann solches bezeichnet werden? Bereits Escrivá äußerte in der »Crónica«: »Meine Töchter, ihr habt keine Gründerin gehabt. Gott, Unser Herr, hat mir das Herz eines Vaters und einer Mutter gegeben. « (73)

Uniform und gestraffte Frisur

Der Minderbewertung und Diskriminierung der Frauen entspricht offensichtlich ihre Desexualisierung; sie haben - vergleichbar geschlechtslosen Wesen - alle weiblichen Attribute in Haarform und Kleidung zu vermeiden: »Die Numerarierinnen müssen gebührend auf ihr Kleid achten und ein weißes Arbeitsgewand tragen, während sie die Verwaltungsarbeiten ausführen. Die übrigen tragen zur Besorgung der Verwaltungsarbeiten stets ein bescheidenes farbiges Kleid und ziehen zum Dienst an der Pforte und im Speisesaal eine ebenfalls bescheidene Uniform mit langen Ärmeln an. Die gestraffte Frisur gehört zur Uniform, die sie zu tragen haben, während sie die Verwaltungsarbeiten besorgen.«(74) Sie sollen immer zusätzliche Arbeiten befohlen bekommen, »damit sie stets beschäftigt sind und die Zeit ausnützen«.

»Und führe uns nicht in Versuchung!«

Frauen und Männer im Opus Dei haben stets vorausblickend darauf zu achten, niemals allein mit dem anderen Geschlecht zusammenzutreffen.Mindestens muß man zu zweit sein - mit einer Aufpasserin, einem Aufpasser - damit man nicht in Versuchung

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geführt wird: »Zum Öffnen und Verschließen der Türen sollen sich stets mindestens zwei Personen einfinden.«(75)- »Während der Zeit, in der die Verwaltung diesen Dienst leistet, haben im Dienstraum der Pförtnerin stets zwei Personen anwesend zu sein.« (76)

          Die Priester, die in der Abteilung die Messe feiern, müssen mit aller Schlüsselgewalt vor allen weiblichen Versuchungen geschützt werden: »Wenn die Priester des Werks ihren Dienst in einem Zentrum der weiblichen Sektion ausüben, sind sie nur so lange wie nötig im Hause. Falls nicht ein wirklich außerordentlicher Grund vorliegt, frühstücken sie nicht einmal in den Zentren der weiblichen Sektion, nachdem sie die heilige Messe gefeiert haben.« (77) - »Wenn der Priester sich zum Umziehen in die Sakristei begeben muß, läßt die Verwaltung das Schloß der Verbindungstüre offen und schließt mit ihrem Schlüssel die Türe, die dieses Lokal mit dem Rest seiner Zone verbindet.« (78)

          Wenn männliche und weibliche Abteilung »einander Angelegenheiten mitteilen müssen«, »macht man die Mitteilung stets auf schriftlichem Wege, mit maschinengeschriebenen Notizen ohne, -Eingangs- und Schlußformeln«(79) das heißt: ohne auch nur das geringste Symbol, daß die Notiz ein Mensch geschrieben hat, ohne persönlichen Gruß, und sei er noch so bescheiden.

»Tummelplatz teuflischer Versuchungen«

Die Verfasser dieser internen Regeln wittern offensichtlich hinter jeder Tür die Versuchungen der fleischlichen Lust. Jeder Kontakt zwischen Frauen und Männern, der über die standardisierten Formeln hinausgeht, soll wie besessen verhindert werden. Die detaillierten Verhaltensregeln müßten kabarettreifen Spott erregen, wenn sie nicht ahnen ließen, daß da jede Regung des Herzen krampfhaft vermieden werden soll: Sympathie, Freundschaft und noch viel schlimmer: Liebe und Leben. Da werden alle Register der Reglementierung, der Tabuisierung, der Isolierung, der Vereinsamung, der Verschüchterung und Demütigung gezogen. Alles weist auf einen extrem entwickelten sozialpsychologischen Angst- und Abwehrmechanismus gegenüber der Frau in der zölibatären und der männlichen Mitgliederschaft hin. Alles muß möglichst »geschlechtslos«, also menschenleer und frigide organisiert werden.

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S. 266:

mal pro Woche die Geißel benutzen und auf dem Fußboden schlafen, sofern es ihrer Gesundheit nicht schadet.« <

          Pflichtabtötungen sind - entgegen anderslautenden offiziellen Erklärungen des Opus Dei, die den Ausnahmecharakter dieser Formen der »Abtötung« behaupten - Bußgürtel und Geißel, Schlafen auf dem Fußboden oder einem blanken Holzbrett, der Verzicht auf einenMittagsschlaf.Freiwillige Abtötungensind zum Beispiel kalte Duschen, auf dem Stuhl sitzen, ohne sich anzulehnen, Verzicht auf Brotaufstrich und Dessert.

          Opus-Mitglieder haben ihren »sündhaften Körper« mit diversen Abtötungspraktiken in masochistischer Manier zu traktieren und zu züchtigen. Ausnahmen aus Alters- und Krankheitsgründen sind präzise geregelt. »Du machst nur so viele Fortschritte, wie du dir Gewalt antust«, lautet die Maxime eines heiliggemäßen Lebens.


»Geliebt, geheiligt sei der Schmerz«

Der Bußgürtel, eine über Jahrhunderte übliche Abtötung »fleischlicher Begierden« und Sinne, ist ein Metallband mit nach innen gerichteten Dornen, das am Oberschenkel getragen wird. Die Geißel ist in der Regel eine fünfschwänzige Lederpeitsche mit Knoten oder Perlonschnüren, an denen dicke, beschwerte, stachelige Kugeln befestigt sind.

          Klaus Steigleder schildert: »Das Tragen des >Bußgürtels< ist äußerst schmerzhaft, vor allem beim Sitzen. Die Metallspitzen graben sich tief in die Haut ein und hinterlassen als Spuren kleine rote Punkte. Mehr noch schmerzt der Gebrauch der Bußgeißel, im Unterschied zu der des Gründers spritzt aber bei den aus Kordel geknüpften kein Blut. So schmerzhaft es auch war, sich selbst zu geißeln, als weitaus unangenehmer und qualvoller empfand ich es, das durchdringende Knallen zu hören, wenn ein anderer sich mit der Geißel schlug - was ich, als ich in Bonn im >Studienzentrum< der Vereinigung wohnte, häufiger erleben mußte.« (89)

          Der psychische Hintergrund solcher barbarischen, mittelalterlich anmutenden Praktiken der Selbstkasteiung muß - psychologisch betrachtet - als zwangsneurotisch gelten. Da wird die Sehnsucht nach Liebe und Vergeben begangener Schuld erfleht und

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erwartet durch Selbstquälerei, die kaum anders als masochistische Handlung, als lustvoll betonte Freude am Dulden und Erleiden körperlicher Schmerzen und seelischer Demütigungen bezeichnet werden kann. Der Hinweis der Opus-Ideologen auf die »zeitlos gültige Lehre der Kirche« (90) und die Bußpraxis vergangener Jahrhunderte kann die Perversion des Bußverständnisses und des Schmerzes, die darin zum Ausdruck kommt, nicht relativieren.

          »Man sollte glauben, Schuld, die Menschen begangen haben, können sie am besten wieder gutmachen, wenn sie selber so glücklich, so intensiv und persönlich leben, als es irgend geht. Dann verbreiten sie Glück und Freude und schenken anderen Leben. Aber diese Bußpraxis ist ganz umgekehrt: sie zieht den Schmerz der Reue, wie es heißt, so sehr nach innen, daß dann vor allem auch die Kasteiung des eigenen Fleisches im Namen der begangenen Sünden noch einen zusätzlichen Verdienst bilden soll vor Gott.«(91) Die Abtötung wird zu einem »Kreuzweg nach innen«. Die Selbstbestrafung wird als asketisch wertvoll und religiös gewinnbringend erklärt.

Pathologische Leidensspiritualität

Josemaria Escrivá beschwört einen abgrundtiefen Dualismus von Leib und Seele und die Feindschaft des Menschen zu sich selbst:

          »Jener Mann traf ins Schwarze, der sagte, daß Leib und Seele zwei Feinde sind, die sich nicht trennen, und zwei Freunde, die sich nicht ausstehen können« (Der Weg, Nr. 195) -

          »Behandle deinen Körper sorglich; aber schone ihn nicht mehr, als einem verräterischen Feind zusteht« (Der Weg, Nr. 226) -

          »Wenn du begriffen hast, daß der Leib dein Feind ist und Feind der Verherrlichung Gottes, weil er deine Heiligung bedroht, warum faßt du ihn dann so weich an?« (Der Weg, Nr. 227) -

          »Sag deinem Leib: Lieber will ich mir einen Sklaven halten als selber dein Sklave sein« (Der Weg, Nr. 214) -

          »Wenn dir klar ist, daß diese körperlichen und seelischen Schmerzen Läuterung und Verdienst bedeuten, dann segne sie« (Der Weg, Nr. 219) -

          »Wir adeln den Schmerz, wenn wir ihn an seinen richtigen Platz im Heilsplan des Geistes stellen: als Sühne« (Der Weg, Nr. 234) -

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          »Die Abtötung darf wie das Schlagen des Herzens nie aussetzen: Auf diese Art erlangen wir die Herrschaft über uns selbst und verwirklichen gegenüber unseren Mitmenschen die Liebe Christi« (Im Feuer der Schmiede, Nr. 518) -

          »Wer liebt, tritt sich selbst mit Füßen (...)« (Im Feuer der Schmiede, Nr. 532) -

          »Gesegnet sei der Schmerz. - Geliebt sei der Schmerz. - Geheiligt sei der Schmerz. - Verherrlicht sei der Schmerz!« (Der Weg, Nr.208).

          Die Textbeispiele, deren Zitierung fast beliebig fortgesetzt werden könnte, drücken eine pathologische »Spiritualität« des Leidens und des Schmerzes aus. Sie beschwören eine neurotische Lebensverunstaltung, die in Angst, Selbstschädigung und Selbstzerstörung mündet. Es ist die Verherrlichung einer verkrüppelnden und krankmachenden Lebensform, die fast zwangsläufig ein verkümmertes Leben in Depression und Resignation produzieren muß, von dem ehemalige Mitglieder des Opus Dei berichten.

Masochistische »Kreuzes-Mystik«

Die Verherrlichung des Schmerzes ist verknüpft mit der Perversion des Kreuzes Jesu Christi. Das Kreuz Jesu ist das realistische Symbol von Macht und Unterdrückung, Gewalt und Vergewaltigung, Verfolgung, Folter und Mord. An das Kreuz wurde Jesu geschlagen, weil er die Umkehrung aller gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse verkündete und zeichenhaft die Macht des Todes brach. Von diesem biblisch-christlichen Kreuzesverständnis ist in den Schriften Escrivás so gut wie nichts zu endecken. Wenn der Opus-Gründer von »Kreuz« spricht, ist exklusiv die Verherrlichung der eigenen Schmerzen gemeint, die Selbstquälerei, die das barbarische Ritual der körperlichen Abtötung einschließt.

          Sowenig verschwiegen werden darf, daß diese »Kreuzes-Mystik« jahrhundertelange Frömmigkeitspraxis prägte und immer wieder Menschen zu dem irrigen Versuch verleitete, sich durch diverse Abtötungspraktiken mit dem Leiden und Kreuz Jesu zu identifizieren - Escrivá treibt diesen Irrweg, diese Perversion noch auf die Spitze:

          »Hindere nicht das Wirken des Heiligen Geistes: Vereinige dich

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mit Christus, um dich zu läutern. Ertrage mit ihm die Schmähungen, das Angespienwerden, die Ohrfeigen. Die Dornen, das lastende Kreuz. Die Nägel, die dein Fleisch zerreißen, die ganze Not eines Sterbens in Verlassenheit. Versetze dich in die geöffnete Seite unseres Herrn Jesus, bis zu sicheren Schutz in seinem verwundeten Herzen findest« (Der Weg, Nr. 58) -

          »Das Kreuz auf deiner Brust - gut, aber das Kreuz auf deinen Schultern, das Kreuz in deinem Fleisch, das Kreuz in deinem Verstand. - Nur so lebst du für Christus, mit Christus und in Christus. Nur so bist du Apostel« (Der Weg, Nr. 929) -

          »Spürte ich doch in meinem Fleisch nichts anderes als das Kreuz!« (Der Weg, Nr. 151) -

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littenen Demütigungen und Verletzungen haben häufig lebenslängliche Folgen. Zumeist ist eine professionelle psychologische Hilfe geboten. Die angeeigneten konspirativen Verhaltensmuster, die Vereinsamung des einzelnen und anderes mehr bestimmen zumeist auch das soziale Verhalten in der ersten Zeit nach dem Austritt und führen zu sozialen Konflikten.

          Als vorbeugende Maßnahme muß ebenfalls der Versuch der Opus-Führung gesehen werden, persönliche, sogenannte »private Freundschaften« zu unterbinden. Alberto Moncada äußerte: »Seelische Übereinstimmungen, ob= sie schon vorher bestanden oder gewachsen waren, müssen verdrängt, der Anschein von >ExtraFreundschaften< muß vermieden werden.« (107) Diese Aussage wird von anderen ehemaligen Mitgliedern bestätigt.

          Sekten und Gruppierungen mit vereinnahmender, totalitärer Tendenz versuchen grundsätzlich echte Freundschaften zu unterdrücken. Damit soll einerseits die exklusive emotionale Bindung und Fixierung des Mitglieds zum Führer gewährleistet werden. Andererseits soll so verhindert werden, daß ein Mitglied bei seinem Austritt andere mitnehmen könnte. In jedem Fall will man unkontrollierbare »private« Gespräche zwischen den Mitgliedern verhindern, in denen Zweifel und Kritik geäußert und verstärkt werden könnten.

Keine Ansprüche

Eine Organisation, die ihre Mitgliedschaften verheimlicht, veröffentlicht auch keine Statistik über die Anzahl der Austritte. Während Ordensgemeinschaften durchaus die Zahl von Austritten auf Anfrage bekanntgeben, stößt man auch in diesem Punkt auf Fehlanzeige beim Opus Dei. Soweit mir bekannt, existieren auch keine begründeten Schätzungen für einzelne Länder oder gesamthaft von Beobachtern.

          Ehemalige Mitglieder können bei Austritt auf keinen Fall Ansprüche irgendwelcher Art geltend machenIn den päpstlich akzeptierten Statuten heißt es: »Wer, aus welchem Grund auch immer, die Prälatur verläßt oder von ihr entlassen wird, kann gegen sie wegen der ihr geleisteten oder wegen anderer Zuwendungen, die er durch seinen Einsatz oder durch Ausübung eigener Berufs

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tätigkeit oder auf andere Art und Weise erbracht hat, keine Ansprüche geltend machen« (Nr. 34).

          Die am schwersten durch diese Ablehnung jeglicher finanzieller Ansprüche Geschädigten sind die Frauen, die zumeist zu niedrigen hauswirtschaftlichen Arbeiten angehalten wurden und keine staatlich anerkannte Berufsausbildung im Opus Dei genossen haben. »Nach elf Jahren ist das Törtchenbacken meine größte Stärke«, sagte eine dieser Frauen. (108) Eine ehemalige Numerarierin aus Madrid berichtet: »Nachdem ich dreißig Jahre lang praktisch fürs Essen gearbeitet hatte, stand ich auf der Straße mit einem Koffer und ein paar Kleidern als einzigem Besitz.« (109)

          Alberto Moncada macht darauf aufmerksam, daß die Opus DeiFrauen »gewöhnlich keiner Sozialversicherung angeschlossen«(110) sind. Zu allen psychischen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Loslösungsprozeß und Austritt aus dem Opus Dei bedeutet dies zusätzlich eine völlig unsichere finanzielle und ökonomische Zukunft.

          Insofern können die Berichte ehemaliger Mitglieder über Suizidversuche und Suizide, die ich nicht überprüfen konnte, kaum überraschen. Die finanzielle Situation, die zur Verarmung führen kann, falls keine verwandtschaftliche oder freundschaftliche Unterstützung gewährt wird, verschärft die psychischen Schwierigkeiten und die soziale Vereinsamung. Die Drohung der Opus DeiLeitung, Menschen, die aus dem Opus austreten, würden »ihres Lebens nicht mehr froh«, wird zynischerweise bestätigt.

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eingeübt und entwickelt werden, die ihre Stärke aus der Fähigkeit zum Mitleiden mit gefährdetem Leben (Mensch, Mitwelt, Luft, Wasser) gewinnen. Nur durch diese Empathie mit anderen und Fähigkeit zur Solidarisierung kann die Empörung und heilige Entrüstung für das Leben die notwendige gesellschaftspolitische Durchsetzungsfähigkeit erlangen.

Macht, die nicht korrumpiert

Die genannten Projekte und Tendenzen widerlegen den vielzitierten Satz Lord Actons: »Alle Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut«, der das Thema >Macht< nur negativ mit Unterdrückung und Gewalt korrespondiert. Aber es ist nicht die Macht als solche, sondern der Machtmißbrauch,welcher korrumpiert.(10) Gegen den negativ pauschalisierenden Sprachgebrauch plädierte der politische Philosophin Hannah Arendt (1906 bis 1975) dafür, zwischen den Schlüsselbegriffen Macht, Stärke, Kraft, Autorität und schließlich Gewalt zu unterscheiden. Aus der Lebens- und Fachkompetenz, aus der Solidarität und dem gewaltfreien Engagement der vielen einzelnen und Gruppen in den »Biotopen des Lebens« wächst jene Kraft und Autorität, die - jenseits fundamentalistischer Schwarz-Weiß-Malerei - auf der Seite des Lebens ist.

          Gemäß diesem positiven Verständnis von »Macht« als lebenswacher und - achtender Macht, bemerkte Albert Nolan im Widerstand gegen ein unterdrückerisches, brutales und rassistisches Regime kritisch an die Adresse machtscheuer Gottsucher: »Es ist verblüffend zu sehen, wie furchtsam die meisten Christen werden, wenn man anfängt, von realer Macht, von Auseinandersetzungen um die Macht oder Machtkämpfenzu sprechen.« - »Nichts hat aas Evangelium derart kastriert, nichts hat seine Botschaft der Erlösung derart schwächlich und ohnmächtig gemacht, wie unsere Unfähigkeit, der Machtfrage standzuhalten.« (11) Gegen den zentralisierten und hierarchisierten Machtwahn muß die Macht gesetzt werden, die aus der Lebenskraft und Solidarität der vielen wächst. Macht muß geteilt werden, damit eine gemeinsame und gegenseitige Ermächtigung zum Leben möglich wird.

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Menschenrechte und politische Kultur

Die Kirche sei keine Demokratie, wird regelmäßig denen entgegengehalten, die innerkirchlich einzuklagen suchen, was Rechtsstaatlichkeit und politische Kultur wesentlich kennzeichnet: eine Verfassung, die die Menschen- und Grundrechte garantiert; die Gewaltenteilung; eine institutionalisierte Rechtskultur; Transparenz, Offenheit und demokratische Kontrolle aller Entscheidungsprozesse; Respekt vor dem Gewissen, der Mündigkeit und Selbstbestimmung des einzelnen; der Schutz sogenannter Minderheiten und Ermöglichung einer Vielfalt von Lebenskulturen.

          Die Kirche sei keine Demokratie, das wird zumeist von denen gesagt, die - ausgesprochen oder unausgesprochen - die Kirche als spätabsolutistisches Feudal- oder Apartheidssystem sehen, welches zum Beispiel Mauern zwischen Frauen und Männern oder dem Klerikerstand und dem Kirchenvolk um jeden Preis aufrechterhalten will. Die Kirche ist keine Demokratie, wenn »Demokratie« als politisches System mißverstanden wird, in dem über alles nach dem Mehrheitsprinzip abgestimmt werden kann, über Detailfragen ebenso wie über die sozialen Menschen- und Freiheitsrechte, über das Recht auf Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen und das Recht auf Schutz vor politischer Verfolgung, auf Asyl. Die Demokratie hat zuerst und zuletzt die Menschenrechte und Grundfreiheiten zu garantieren.

          Wenn die klerikale Hierarchie der römisch-katholischen Kirche in ihrer Mehrheit oder Spitze weiterhin der Ansicht ist, sie habe das Entscheidungs- und Definitionsmonopol des Katholischen, des Christlichen, sie sei der Garant einer fertig zu lehrenden Wahrheit und könne dekretieren, was richtig und wahr ist, wird sie endgültig jede Glaubwürdigkeit verlieren und jede Autorität in ethischen Fragen zerstören. Bleibt die Kirche in ihrer Haupttendenz mental und strukturell unfähig und unwillig, die Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie das Recht der Betroffenen auf Beteiligung an Entscheidungsprozessen zu respektieren und institutionell zu garantieren (man nenne dies demokratische oder synodale Strukturen), wird der Durchmarsch der fundamentalistischen Gruppierungen Marke Opus Dei, Comunione e Liberazione usw. kaum aufzuhalten sein.

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Unvermeidbare Folge wird eine neue Kirchenspaltung sein. Hier ist die kirchenhistorische Einsicht Hans Urs von Balthasars zu zitieren: »Ist man sich klar, daß alle Schismen der Kirchengeschichte... traditionalistischen Ursprungs sind?«. 12 Wenn die Kirche nicht die Ausbildung einer freien und offenen Menschlichkeit und einer »politischen Kultur« als unverzichtbar lebenswichtig erkennt und in ihrer Sozialgestalt verwirklicht, disqualifiziert sie sich. Sie wird mental zur Sekte verkommen. Die totalitäre Vision der Opus-Dei-Führung, die uns Vladimir Felzmann berichtet, könnte dann Realität werden: »Sehr wichtige Leute im Opus Dei. sagen heute offen, in 20, 30 Jahren wird das einzige, was von der, Kirche bleibt, Opus Dei sein«.(13)

Zorn aus Liebe (14)

Gegen die Gefahr dieses Szenariums der Selbstauslieferung der Kirche an menschenverachtende und gottesvergiftende Ideologien und Machtstrategien, gegen die »falschen Propheten« des Opus Dei & Co. helfen keine freundlichen Appelle oder scharfen Forderungskataloge an die Adresse der Kirchenherren. Das alles ist unzählige Male erfolgt und muß hier nicht wiederholt werden.

          Vielmehr gilt, was Martin Buber 1919 zu der Frage »Was zu tun ist« sagte: »Wer diese Frage stellt und damit meint: >was hat man zu tun?< - für den gibt es keine Antwort. >Man< hat nichts zu tun, Man kann sich nicht helfen, mit Man ist nichts mehr anzufangen, mit Man geht es zu Ende... Wer aber die Frage stellt, den Ernst einer Seele auf den Lippen, und meint. >Was habe ich zu tun?< - den nehmen Gefährten bei der Hand, die er nicht kannte und die ihm alsbald vertraut werden, und antworten... : >Du sollst dich nicht vorenthalten.<«

          Was not tut, ist ein »heiliger Zorn« aus Liebe zum Leben, die Wiederentdeckung des Prophetischen und der Aufstand gegen die »ehrenwerten Herren«. Zorn hat überall dort eine positive Funktion, wo die Mentalität und die Methoden von Repression und Einschüchterung ihr unheimliches Bündnis eingegangen sind, wo zum Unrecht geschwiegen wird und wo es besonderer Kraft bedarf, um die Mauer des Schweigens und der Tabuisierung zu durchbrechen.

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Ludwig Kaufmann, leidenschaftlicher Anwalt einer Kirche der Armen, wußte, was Frömmigkeit und Zorn sind: »Ich sehe den Zorn zwischen der >elementaren Empörung< und der Trauer. Elementare Empörung wird durch >himmelschreiendes Unrecht< geweckt, sie verbindet alle, die noch einen Funken Menschlichkeit im Leibe haben. (...) der echte Zorn hat es mit Gericht zu tun, mit der blitzschnellen Aufhellung einer Situation, mit der Scheidung der Geister, mit dem Ja oder Nein, mit der Wahrheit gegen die Lüge, mit der Entlarvung von Heuchelei und Zweideutigkeit.« (15)

»Mit dem Konzil fing alles Übel an.« Solche Sätze der Ewiggestrigen und Protagonisten kirchlicher Reaktion machen mich nicht mehr zornig. Diese Kreise gab und gibt es immer. Zornig machen mich die kirchlichen Wendehälse und Opportunisten, die »eine Zeitlang auf der Welle des Konzils mitgeritten sind«, jetzt aber, da der Wind gedreht hat, »mir nichts, dir nichts der restaurativen Strömung folgen, die alten Ladenhüter aus der Mottenkiste holen, längst überwundene Argumente wieder ins Feld führen und, mit einem Wort so tun, als sei nichts geschehen, als habe es kein kollektives Umdenken und Neudenken gegeben, keine Umkehr, keine Läuterung, keinen Aufbruch«'' im und nach dem II. Vatikanischen Konzil. Die fundamentalistische Gefahr kommt aus der Mitte der Kirche, aus dem Opportunismusder vielen.

Prophetie und Protest (17)

Wie der Teufel das Weihwasser scheut der Opus-Dei-Gründer Josemaria Escrivá die Propheten des jüdisch-christlichen Evangeliums. Die biblischen Bezüge in seinen Hauptschriften fehlen fast vollständig. Die herrschaftskritische Kompetenz, die Religions-, Kult- und Sozialkritik eines Amos, Hosea, Jesaja fehlen ganz.

          Aber die unerschrockenen Reden der Propheten, diesen Vorkämpfern der Gerechtigkeit und des sozialen Gewissens, gegen die Mächtigen, gegen die religiös, politisch und ökonomisch Herrschenden, gegen die »ehrenwerten Herren«, stellen bis heute einen »hochexplosiven Sprengstoff« in den Grundmauern des biblischen Kanons dar. Sie können nicht zum Schweigen gebracht werden, und sie haben Nachkommen, Frauen und Männer, die die falschen Götzen der Macht entlarven. -287-

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